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Hochschule Luzern erforscht den Schweizer Orgelschatz

In der Schweiz stehen rund 3’000 Orgeln. Dieser Kulturschatz ist jedoch nur bruchstückhaft erforscht. Im Orgeldokumentationszentrum (ODZ) der Hochschule Luzern trägt ein Forschungsteam das verfügbare Wissen seit 2007 zusammen. So wurden bisher die Orgeln der Kantone Zug, Schwyz und Luzern sowie aktuell jene des Kantons Uri genauer unter die Lupe genommen.

Die untersuchten Unterlagen zur Orgelgeschichte sind oftmals unvollständig und zudem von Hand und in alter Schrift verfasst. (Foto: Angel Sanchez)

Sie wurde in Deutschland zum «Instrument des Jahres 2021» gekürt und gehört seit 2017 zum Unesco-Kulturerbe: die Orgel. Das Instrument ist aber nicht nur in Kirchen oder Konzertsälen zu hören, sondern auch Gegenstand der Forschung – so zum Beispiel an der Hochschule Luzern. Seit bald 15 Jahren untersucht das dort ansässige Orgeldokumentationszentrum (ODZ) die Orgellandschaft der Schweiz. Marco Brandazza, Leiter des ODZ sagt: «Orgeln sind wichtige Träger kultureller und religiöser Praxis. Sie sind sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten präsent und finden sich in Kirchen, Kapellen, Klöstern, öffentlichen Gebäuden und privaten Haushalten.» Gegründet wurde das ODZ im Jahr 2007, um die schweizweit verfügbaren Informationen zum Thema Orgelbau und -musik an einem einzigen Ort zusammenzutragen und Lücken in den bisherigen Aufzeichnungen so gut als möglich zu schliessen.

Akribische Feldarbeit zu bisher 500 Orgeln

Das Forschungsteam arbeitet mit den jeweiligen kantonalen Denkmalämtern zusammen und hat bisher rund 500 Orgeln genaustens studiert und in einer Datenbank erfasst. Darunter sind so besondere Instrumente wie jenes in der Hofkirche St. Leodegar in Luzern, wo sich mit fast zehn Metern die längste sichtbare Metallpfeife Europas befindet, oder die vier Orgeln im Kloster Einsiedeln. «Für letztere mussten wir gar zwei Nächte allein in der Klosterkirche verbringen, was ein ziemlich eindrückliches Erlebnis war», erinnert sich Brandazza.

Die Arbeit ist aufwendig: Jedes Instrument wird vor Ort begutachtet und zahlreiche Archive müssen durchforstet werden, um die Geschichte der einzelnen Orgeln zu belegen. Kommt hinzu, dass diese Unterlagen oftmals unvollständig sind und zudem von Hand und in alter Schrift verfasst wurden. Dennoch konnten die Forschenden schon manch’ irrtümliche Geschichtsschreibung über Orgelbau und Orgelmusik korrigieren: «Wir haben zum Beispiel durch ein altes Protokoll der Stiftskirche Solothurn herausgefunden, wer 1595 die erste Orgel der Kirche St. Michael in Zug gebaut hat, nämlich: Hans Werhard Muderer aus Freiburg im Breisgau», so Brandazza.

HSLU-Forscher Marco Brandazza und Fotograf Louis Brem bei der Untersuchung der Orgel der Kapelle von Schloss Meggenhorn. (Foto: Priska Ketterer)

Die gesammelten Daten stehen Organistinnen und Organisten, Kirchengemeinden, Forschenden sowie weiteren Personen, die sich beruflich oder privat mit Orgeln beschäftigen zur Verfügung. Diese können dank der Datenbank auf einfache Weise etwa nach einem bestimmten Orgelbauer oder einem Instrumententyp suchen und sich alle erfassten technischen und historischen Informationen anzeigen lassen. «Nicht zuletzt dient unsere Arbeit auch dazu, die Schutzwürdigkeit des jeweiligen Instrumentes besser beurteilen zu können», erklärt Brandazza.

Orgelpublikation der kantonalen Denkmalpflege Luzern

Allein für den Kanton Luzern untersuchte das ODZ bisher über 250 Orgeln. Zudem wurden alle verfügbaren primären und sekundären Quellen zur Geschichte der Orgeln des Kantons gesammelt, transkribiert und ausgewertet. «Um diese besondere Arbeit zu würdigen und einem interessierten Publikum zugänglich zu machen, erscheint voraussichtlich im Dezember in der Schriftenreihe der Denkmalpflege Luzern eine Publikation», sagt die kantonale Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder. Das Buch gibt einen wertvollen Überblick zur Geschichte des Orgelbaus im Kanton Luzern, beschreibt die Instrumente, ihre Bau- und Umbaugeschichte sowie ihren aktuellen Zustand.

Orgelgeschichte der Gemeinde Lachen und des Kantons Uri

Momentan nimmt das ODZ die Orgelgeschichte der Gemeinde Lachen unter die Lupe. «Auch hier wurde schnell klar, dass früher publizierte Informationen oft ungenau oder fehlerhaft sind», sagt Brandazza. So enthält etwa die Geschichte der Orgeln der Pfarrkirche Heilig Kreuz und der Kapelle im Ried einige widersprüchliche Aussagen. Das Projekt der Orgelexpertinnen und -experten zielt darauf, eine vollständige und dokumentierte Orgelgeschichte Lachens aufgrund aller noch aufzufindenden Quellen in- und ausserhalb der Gemeinde zusammenzustellen.

Neu gestartet sind zudem die Arbeiten zur Erfassung der Orgeln des Kantons Uri. «Die wissenschaftlich dokumentierte Orgelgeschichte von Uri ist bis heute nur in sehr allgemeinen Zügen bekannt», so Brandazza. Bereits an der Schwelle zum 17. Jahrhundert sollen dort Orgeln vorhanden gewesen sein. Da die Urner Täler jedoch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts keine einheimische Orgelbauwerkstatt vorweisen konnten, arbeiteten dort verschiedene Handwerker unterschiedlichster Herkunft. Brandazza: «Das hat eine reiche Vielfalt an Instrumenten hervorgebracht, deren Bau- und Restaurationsgeschichte wir nun genauer untersuchen.»

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