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Siedlungsreste: Luzern ist 2000 Jahre älter als bisher angenommen

Der Bau der Seewasserleitung bot letztes Jahr erstmals Gelegenheit, einen archäologischen Einblick in den Luzerner Seegrund zu erhalten. Im Auftrag der Kantonsarchäologie Luzern begleitete eine Equipe der Unterwasserarchäologie Zürich die Baggerarbeiten. Dabei kamen vier Meter unter der Wasseroberfläche die Spuren eines versunkenen, rund 3000-jährigen Dorfes aus der Bronzezeit zum Vorschein. Damit bestätigt sich endlich die These, dass das Luzerner Seebecken früher geeignetes Siedlungsgebiet war.

An einer aussergewöhnlichen Medienorientierung zu Lande und auf dem Wasser präsentierte die Kantonsarchäologie Luzern zusammen mit Bildungs- und Kulturdirektor Marcel Schwerzmann bahnbrechende Erkenntnisse zur frühen Geschichte der Stadt Luzern. So konnte im Rahmen eines Medienanlasses in der Nähe der Werftestrasse live auf Boten mitverfolgt werden, wie aus der Seetiefe Holzpfähle ans Tageslicht gebracht wurden – und damit ein Stück der bislang ältesten Siedlung Luzern. Diese neuen Funde aus dem Luzerner Seebecken bestätigen, dass bereits vor 3000 Jahren an dieser Stelle Menschen siedelten – mit diesem Nachweis wird die Stadt Luzern auf einen Schlag um rund 2000 Jahre älter, als dies bisher belegt werden konnte. Und nicht nur das: Luzern stellt sich damit in die Reihe bedeutender Städte wie Zürich oder Genf und belegt damit, dass auch in der heutigen Zentralschweiz die Lage am Ausfluss grosser Seen seit Urzeiten begehrt und der politischen wie wirtschaftlichen Entwicklung der Siedlungen förderlich war.

Fehlende Spuren

Vor 800 Jahren wurde die Stadt Luzern gegründet, ihre Geschichte jedoch ist älter: Einige archäologische Überreste in der Altstadt gehen bis ins 10. Jh. zurück, und das bei der Hofkirche gelegene frühere Kloster St. Leodegar erscheint in schriftlichen Quellen bereits im 8. Jahrhundert. Was aber war davor? Bislang zeugten nur einzelne verstreute Fundstücke aus der Stein- und Römerzeit sowie archäobotanische Proben davon, dass Luzern im frühen Mittelalter nicht «aus dem Nichts» entstanden ist, sondern auch die vorangehenden Epochen Teil ihrer Geschichte sein müssen. Bis vor kurzem fehlte es aber an Belegen für die Lokalisierung älterer Siedlungen.

Seespiegel war fünf Meter tiefer

Grund für das Fehlen älterer Siedlungsreste ist der markante Pegelanstieg des Vierwaldstättersees bis ca. ins 15. Jahrhundert: Der Krienbach brachte bei Unwettern grosse Mengen an Geröll und Geschiebe Richtung Reuss und engte den Seeausfluss zunehmend ein. Ab dem 9./10. Jahrhundert beschleunigte sich der Seespiegelanstieg durch den Eingriff des Menschen: Zur Nutzung der Wasserkraft wurde ein Stauwehr für die Mühlen errichtet, zudem wuchsen die Bauten der mittelalterlichen Stadt in die Reuss hinaus und schmälerten den Seeausfluss zusätzlich. Vor diesen Ereignissen stand der Seespiegel allerdings rund fünf Meter tiefer als heute, so dass das Seebecken trocken lag und ein ideales, verkehrsgünstiges Siedlungsgebiet bildete. Das Seeufer verlief damals etwa auf der Linie Verkehrshaus – Tribschen und bildete hinter dem Tribschenhorn eine kleine Bucht.

Eine Wasserleitung bringt den Durchbruch

Das seichte Luzerner Seebecken steht deshalb seit langem im Fokus der Archäologie. Bislang fehlten jedoch gezielte Hinweise auf diese «versunkenen Siedlungen», da der Seegrund mit einer dicken Schlammschicht bedeckt ist, die nur im Zusammenhang mit Bauarbeiten durchdrungen werden kann. Die Verlegung der Seewasserleitung für das See-Energiezentrum Inseliquai der ewl AG bot erstmals die Gelegenheit, einen archäologischen Einblick in die Schichtverhältnisse des Luzerner Seegrunds zu erhalten. Seit Dezember 2019 kontrollierte und dokumentierte die Tauchequipe der Unterwasserarchäologie des Amts für Städtebau der Stadt Zürich die jeweils freigelegten Leitungsgrabenabschnitte. Die Arbeiten fanden in rund drei bis vier Metern Tiefe statt und sind, nach ein paar ergänzenden Tauchgängen im Februar 2021, nun abgeschlossen.

Prähistorische Bauhölzer

Bereits im März 2020 hob der Bagger neben Schwemmsedimenten zahlreiche Holzpfähle aus dem Wasser. Den Taucharchäologie-Fachleuten war schnell klar, dass es sich bei den künstlich zugerichteten Pfählen um prähistorische Bauhölzer handelt. Bald kamen auch Keramikscherben zum Vorschein. Der Leitungsgraben führt somit mitten durch ein Areal mit Resten von Pfahlbausiedlungen. Die Datierung der Bauhölzer mit der C14-Methode und die Analyse der Keramik belegen die Datierung dieser Siedlungsreste in die späte Bronzezeit, in die Jahre um etwa 1000 v. Chr.

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