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102 Jahre: Die älteste Krienserin im Exklusiv-Interview

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Am 21. Juli 2022 feierte Josephine Ercolani-Huber einen ganz besonderen Geburtstag. Ein Gespräch über 102 Jahre Leben.

Josephine Ercolani-Huber (102) mit Urenkelin Karina. Ihr Traum war es, Hebamme zu werden.

Frau Ercolani, wie fühlen sich 102 Jahre Leben an?
Wenn ich an meine Kindheit denke oder allgemein zurückblicke, dann habe ich das Gefühl, ich habe lange gelebt. Aber irgendwie ist es doch nicht so lange und es ging sehr schnell vorbei.

Sie sind der Ursprung von sehr vielen Menschenleben …
Ich habe 8 Kinder, 20 Enkelkinder, 28 Urenkel und 1 Ururenkel. Und Gott sei Dank: Alle leben noch und sind gesund! Das ist Glück, ich hatte viel Glück im Leben.

Ihr Wesen ist zu bewundern, woher haben Sie Ihre Strahlkraft und Stärke?
Ich nahm mein Leben so, wie es kam. Niemals wollte ich etwas, das nicht möglich war. Und so war ich immer ein Realist. Ich hatte mir nie viel vorgenommen und lebte vor allem für meine Kinder.

Sie haben Kriege und grosse Transformationen erlebt, wo steht die Menschheit heute?
Nach den Kriegen hat die Menschheit übertrieben und ist in allen Bereichen viel zu stark gewachsen. Der Mensch will immer mehr und gleichzeitig weniger dafür tun. Die Schnelligkeit der Veränderungen, wie zum Beispiel die Digitalisierung, überfordert sehr viele Menschen. Wer nicht geschult ist, bleibt auf der Strecke.

Wie hat sich Ihre Sicht auf die Welt mit den Jahren verändert?
Die Menschheit hat sich total verändert. Wir waren damals so einfache Menschen: Es gab Zmorge, Zmittag und Znacht – und zwischendurch arbeiteten wir hart. Ich hatte nie grosse Ansprüche und Wünsche. Wenn etwas nicht so lief, wie ich es wollte, war ich nicht enttäuscht, sondern ich war glücklich über das, was ich hatte.

Soll man Ziele verfolgen oder bahnt sich das Leben seinen eigenen Weg?
Von nichts kommt nichts, man muss viel zu seinem Glück beitragen, nur so kommt man auf rechte Bahnen.

Welchen Stellenwert schreiben Sie rückblickend Ihren Problemen von früher zu?
Ich hatte eine sehr schwere Jugend, wir waren arm wie Kirchenmäuse und mussten schon früh hart arbeiten. Meine eigene Mutter starb kurz nach meiner Geburt. Doch irgendwie geht man automatisch durch solch harte Zeiten.

Wenn Sie nochmals 20 Jahre alt wären, was würden Sie anders machen?
Nicht viel. Naja, eigentlich wollte ich Hebamme lernen, das war und ist mein Traumberuf. Aber dafür hatten wir leider kein Geld.

Was ist wichtiger, Beruf oder Familie?
Für mich ist es ganz klar die Familie. Ich wäre mit einer beruflichen Karriere nicht der bessere und glücklichere Mensch geworden.

Ist die Angst vor dem Alter berechtigt?
Nein, absolut nicht. Man ist nicht plötzlich alt, das ging bei mir sehr langsam und ab und zu spürt man natürlich vermehrt körperliche Beschwerden. Ich war und bin immer beschäftigt und ausgefüllt – ich habe immer eine Aufgabe und das hält mich am Leben. Aber als ich mit 92 Jahren den Fahrausweis abgeben musste, hatte ich eine grosse Krise. Die eingeschränkte Mobilität, die zugleich wegen einer Hüftoperation eintrat, war für mich eine grosse Veränderung. Ich konnte plötzlich nicht mehr weit gehen, zum Beispiel in die Stadt oder Spaziergänge machen. Das fehlt mir.

Wie haben Sie es geschafft, so alt zu werden?
Ich habe kein Wundermittel zu Hause versteckt, meine Familie und die damit verbundene Aufgabe ist mein Wundermittel.

Haben Sie sich auch nicht speziell ernährt?
Nein, ich habe stets gesund gekocht und immer viel Gemüse gegessen – und immer hielt ich Mass. Ich koche noch immer selber. Rauchen und Alkohol waren stets tabu.

Haben Sie besonders gesund gelebt und viel Sport gemacht?
Sport habe ich noch nie gemacht. Oder ist Autofahren auch Sport (lacht)?

Welcher Mensch beeindruckte Sie in Ihrem Leben am meisten?
Martin Luther King. Was er für die Menschen in dieser Zeit geleistet hatte, faszinierte mich.

Und welches ist die beste Erfindung der letzten 100 Jahre?
Die Waschmaschine! Und alle Erfindungen, die vor allem Hilfen für Hausfrauen sind.

Welches ist Ihre schönste Erinnerung?
Die Geburt meines ersten Kindes.

Sie waren 46 Jahre verheiratet, Ihr Ehemann starb 1986. Ist er Ihnen noch präsent?
Ja, sehr. Ich denke fast jeden Tag an ihn! Das passiert automatisch, da ich viel über das Leben nachdenke.

Was würde er sagen, wenn er Sie heute sehen würde?
(Lacht) Er wäre wohl enttäuscht, dass ich ihn so lange allein gelassen habe und nicht schon jetzt mit ihm im Himmel Schach spiele.

Was war er für ein Mensch?
Ein feiner Kerl, meine grosse Liebe!

Warum hatten Sie seit seinem Tod nie wieder einen anderen Mann?
Einerseits hatte ich absolut kein Interesse, andererseits hätte ich das meinem Ehemann nicht antun können.

Sie hatten in einer patriarchischen Zeit geheiratet, was halten Sie heute von der Gender-Diskussion?
Ich bin da eher konservativ und wünsche mir grundsätzlich Ruhe, anstelle dieser ständigen Unruhe. Ich war zufrieden, wie es war und hätte es niemals gewagt, protestieren zu gehen.

Wie hat der Glaube Ihr Leben geprägt?
Sehr stark. Ich lebe nach dem Glauben und bete seit ich denken kann stets für die ganze Familie. Deshalb geht es uns allen so gut. Ich gehe jeden Abend vor dem Einschlafen in meinen Gedanken in die Wohnungen meiner Kinder und Enkel, um gute Nacht zu sagen.

An welches Ihrer längst verstorbenen Haustiere denken Sie heute noch?
Ganz klar an meine Katze Minou. Die war ein Wunderding und wir hatten eine spezielle Kommunikation und Verbindung. Leider hatte ich sie selbst überfahren, als sie mir nachts ins Rad rannte.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein, mehr als sterben kann man nicht.

Was kommt nach dem Tod?
Ich denke, es wird dort etwas sein, aber was? Das ist wirklich eine sehr schwierige Frage … Zumindest leben wir aber sicher in unseren Nachkommen weiter.

Gibt es eine Lebensweisheit?
Gesund leben, recht leben und nichts machen, was das Gemüt belastet. Ich habe niemandem etwas genommen oder zuleide getan – das ist ein gutes Gefühl!

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