Luzern lebt von der Spannung: Weltweit bekannt für Kapellbrücke, See und Alpenpanorama – und gleichzeitig eine erstaunlich kompakte Stadt, in der man morgens auf den Wochenmarkt schlendert und abends in einem Hinterhof-Bistro landet. Wie funktioniert dieses Nebeneinander von Touristenmagnet und gelebtem Lebensraum? Ein Gespräch und ein Stadtspaziergang mit Erich Felber, City-Manager Luzern.
von Ronnie Hürlimann
Zwischen Postkartenkulisse und gelebtem Alltag
Wer aus dem Bahnhof Luzern tritt, sieht zuerst das Postkarten-Luzern: das KKL von Jean Nouvel, dahinter der See, links der Schwanenplatz mit seinen Carstationen. Doch die Stadt ist mehr als ihre Wahrzeichen. Mit rund 86’000 Einwohnenden ist Luzern das gesellschaftliche und kulturelle Zentrum der Zentralschweiz – kompakt genug, um zu Fuss erlebbar zu sein, gross genug für Universität, Hochschule, eine breite Kulturszene und eine Wirtschaft, die längst nicht mehr nur vom Tourismus lebt. Wer hier wohnt, profitiert von kurzen Wegen, hoher Sicherheit und einer Lage, die andere Städte beneiden: Vierwaldstättersee vor der Tür, Pilatus und Rigi im Blickfeld, Zürich in 45 Minuten erreichbar.
Genau diese Mischung macht es aus. Luzern gilt seit Jahren als eine der attraktivsten Städte der Schweiz – mit allen Folgen: hohe Mietpreise, knapper Wohnraum, eine Innenstadt, die sich zwischen internationalen Marken, lokalem Gewerbe und Millionen Tagesgästen neu finden muss. Und mittendrin: ein noch junger Verein namens City-Management Luzern, der seit August 2024 versucht, all diese Interessen zusammenzubringen. An der Spitze steht Erich Felber – ein Mann, der eigenen Worten nach «die Stadt nicht mehr ohne Arbeitsblick» betreten kann.
Die nüchternen Zahlen unterstreichen, warum Luzern so stark unter Spannung steht: 29 Quadratkilometer Stadtgebiet, davon knapp die Hälfte Siedlungsfläche, ein Viertel Wald. Die Einwohnerzahl ist im Städtevergleich tief. Luzern ist die Stadt, in der Kinder alleine zur Schule gehen und in der die Universität St. Gallen wiederholt die «beliebteste Stadt der Schweiz» misst. Gleichzeitig ist Luzern eine Stadt, in der zentrale Quartiere wie Hirschmatt, Neustadt oder die Altstadt für viele Familien längst nicht mehr bezahlbar sind und in der die Diskussion um Verdichtung, Lärm und Aufenthaltsqualität täglich neue Schlagzeilen produziert. Wer hier leben will, lebt mit Kompromissen – und mit dem Privileg, sie auf hohem Niveau zu machen.
Der Blick auf die Erdgeschosse
Wer Felber morgens durch die Altstadt begleitet, spürt rasch: Sein Radar ist anders kalibriert als das eines normalen Passanten. «Mein ganz spezieller Blick geht in die Erdgeschossflächen», sagt er. «Tut sich etwas beim Geschäft, an dem ein Umbau geplant ist? Oder warum hat dieses Geschäft Abverkauf? Wird es schliessen?» Es sind die unscheinbaren Signale, an denen sich der Zustand einer Innenstadt ablesen lässt – lange bevor sie in Statistiken auftauchen.
Diese Aufmerksamkeit hat einen guten Grund. Die Luzerner Innenstadt steht – wie jede Schweizer Innenstadt – unter Druck: Onlinehandel, sinkende Passantenfrequenzen, die Verdrängung kleinerer lokaler Anbieter durch nationale und internationale Ketten. In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des City-Managements gaben über 1’000 Teilnehmende an, sich mehr Massnahmen gegen Leerstände, ein besseres öffentliches Toilettenangebot und attraktivere Plätze zu wünschen. Felber nimmt das ernst – und pragmatisch: Seit Anfang 2025 hat sein Team gegen 30 Ansiedlungen aktiv begleitet.
Eine davon erzählt er besonders gerne: einen Pop-up-Shop für Fundsachen am Kapellplatz. «Diese sind mit dem Standort Luzern so zufrieden, dass sie nun einen fixen Standort suchen», sagt Felber. Und es sieht gut aus, dass das City-Management auch die feste Ansiedlung mit unterstützen kann. Dass es solche Geschichten überhaupt gibt, hat einen Namen: ALI-Fonds.
ALI-Fonds: 30 Jahre Innenstadt-Pflege
Der Fonds zur Attraktivierung der Luzerner Innenstadt – kurz ALI – existiert seit 1997 und gilt schweizweit als Modellfall. Andere Städte, sagt Felber, würden Luzern um dieses Instrument beneiden. «Hier wurde schon vor rund 30 Jahren erkannt, dass tolle Innenstadtprojekte unkompliziert gefördert werden können.» Heute fliesst ein Teil der Mittel auch in das City-Management selbst – Felber gibt das mit einem Augenzwinkern zu. Wichtiger ist ihm, was rundherum entstanden ist: Pop-ups, Strassenmusik-Plattformen, Adventskalender-Aktionen mitten in der Altstadt, neue Sitzgelegenheiten unter dem Namen «CityLounges».
Es ist diese pragmatische «hands-on»-Mentalität, die Felber für ganz Luzern einfordert – von Politik, Eigentümerschaften, Gewerbe. «Sei es bei der Kreativität, der Offenheit für temporäre oder andere Nutzungen – bei welchen nicht schon vom ersten Moment an ein grosser Umsatz erfolgt», sagt er. Und ergänzt: «Bei den Prozessen für Bewilligungen, vor allem für Zwischennutzungen, wünsche ich mir notwendiges Augenmass.» Die Stadt habe unglaubliches Potenzial und viele Personen und Organisationen, die etwas machen möchten. Diesen Flow gelte es mitzunehmen.
Tourismus und Einheimische: kein «versus», sondern Miteinander
Kaum ein Thema wird in Luzern so heiss diskutiert wie der Tourismus. 9,4 Millionen Reisende pro Jahr, eine Tourismusintensität, die jene Venedigs übertrifft, dazu wiederkehrende Schlagzeilen über überfüllte Carparkplätze, Rollkoffer-Lärm und Schwanenplatz-Frust. 2023 hat die Stimmbevölkerung die Airbnb-Initiative angenommen, der Inseli-Carparkplatz ist seither geschlossen, seit Anfang 2025 zahlen Reisebusse 100 Franken Haltegebühr. Und im Sommer 2025 wurde mit 2,5 Millionen Logiernächten ein neuer Rekord vermeldet – worauf die IG nachhaltiger Tourismus prompt erklärte: «Luzern braucht keine neuen Rekorde.»
Felber positioniert sich in dieser Debatte klar – aber unaufgeregt. «Es geht nicht um das ‹versus›, sondern um das Miteinander», sagt er. «Der Tourismus gehört auch zur DNA von Luzern.» Sein Ansatz ist nicht, Gäste fernzuhalten, sondern den richtigen Mix zu fördern: einen vielseitigen, bunten Angebotsmix, der jene Art von Tourismus anzieht, den Luzern haben will. «Wir wollen eine authentische Innenstadt bieten», sagt er. «So geht es auch mir, wenn ich auf Städtereise bin: Ich will wissen, wohin gehen die Locals und wo sind die Perlen des Mainstreams?»
Diese Haltung deckt sich mit der städtischen «Vision Tourismus 2030», die auf Klasse statt Masse setzt – mehr Individualreisende, längere Aufenthalte, höhere Wertschöpfung. Forscherinnen wie Nicole Stuber von der Hochschule Luzern weisen allerdings darauf hin, dass auch der Individualtourismus seine Tücken hat: Wer nachts mit dem Rollkoffer übers Kopfsteinpflaster zieht, reisst Anwohnerinnen aus dem Schlaf. Lenkung bleibt also nötig – auch ohne Carparkplatz.
Hirschmatt-Neustadt: das Quartier, das Felber überrascht
Wer wissen will, wie das Miteinander von Wohnen, Arbeiten und Geniessen in Luzern aussehen kann, bekommt von Felber einen klaren Tipp: Hirschmatt-Neustadt. «Mich überrascht immer wieder das Gebiet», sagt er. «Es gibt dort so viel zu entdecken – von kleinen Geschäften, Fachgeschäften, vielseitiger Gastronomie bis hin in dieser Saison zu einer noch vielfältigeren Auswahl an Gelatis.»
Das Quartier zwischen Bahnhof und Helvetiagärtli wurde vor rund 120 Jahren auf einem schachbrettartigen Stadtbauplan errichtet – als «Zukunftsquartier», so der damalige Begriff. Heute gilt es als das urbanste Quartier Luzerns: ein dichter Mix aus Boutiquen, Kinos, Theatern (Luzerner Theater, Kleintheater), Bars und Wohnungen. Der Quartierverein Hirschmatt-Neustadt feierte 2026 sein 120-Jahre-Jubiläum und positioniert sich aktiv – etwa mit Forderungen nach Sofortmassnahmen gegen Strassenlärm, von dem in der Stadt Luzern rund 17’000 Menschen über dem Immissionsgrenzwert betroffen sind.
Auch in der Innenstadt selbst hat Felber neue Lieblingsorte gefunden. Etwa jene Ecke an der Bahnhofstrasse, wo durch die Boulevardfläche des Café Chapeau, eine Bankreihe und das Glockenspiel «sich plötzlich ein neuer kleiner Stadtplatz eröffnete». Was ihn überraschte: «Dass ich vorher diese Stelle nie als Platz, sondern einfach als Durchgangsort wahrgenommen habe.» Genau das passiert gerade an mehreren Orten in Luzern – die Bahnhofstrasse selbst wird bis Sommer 2026 zum Aufenthaltsraum am Reussufer umgestaltet.
Ein Samstag wie kein anderer
Wer Felber nach seinem perfekten Luzern-Tag fragt, bekommt keine Sehenswürdigkeiten-Liste, sondern einen Rhythmus. Der perfekte Samstag, sagt er, sei jeweils der erste Samstag im Monat zwischen Mai und Oktober. Start am Wochenmarkt an der Reuss, einen Kaffee direkt beim Markt, dann ein Bummel durch die Altstadt, weiter zum Handwerksmarkt am Weinmarkt, hinüber zum Flohmarkt im Vögeligärtli und schliesslich ein Snack beim Wochenmarkt am Helvetiaplatz. Am Nachmittag ruhiger – Inseli oder Seebad. Abends Familie, Freunde, ein Apéro mit feinem Plättli.
Es ist ein Tag, der Luzern in genau jener Form zeigt, die in der Tourismusvision stehen müsste, wenn sie ehrlich wäre: Stadt als Bühne für ihre Bewohnenden, mit Platz für Gäste, die mitspielen wollen. Und es ist ein Tag, der ohne grosses Marketing funktioniert – einfach weil die Stadt klein genug ist, dass man auf solchen Wegen ständig auf Leute trifft.
Was Luzern als Wohn- und Erlebnisort von vergleichbaren Städten unterscheidet, ist diese Verzahnung. Der Vierwaldstättersee als Naherholung, die Bergbahnen auf Pilatus oder Rigi als verlängertes Wohnzimmer, das Verkehrshaus als Tagesausflug für Familien, das KKL für Konzertabende – alles innerhalb von 30 Minuten erreichbar. Wer in Luzern wohnt, hat Zugriff auf ein Stück Schweiz, das andernorts ein Wochenend-Programm wäre.
Was 2026 bringt – und woran sich Erfolg messen lässt
Drei Projekte stehen 2026 ganz oben auf Felbers Liste. Erstens «Miniluzern.ch» – ein Miniaturrundgang durch die Innenstadt, der Geschichte und Geschichten neu erzählen will. Zweitens die Erweiterung der «CityLounges» – mehrere zusätzliche mobile Sitzgelegenheiten, die den öffentlichen Raum zum Verweilen einladen. Und drittens eine grössere Zwischennutzung, über die er noch nicht viel sagen darf.
Wenn er sich vorstellt, 2035 Bilanz zu ziehen, dann nicht über Zahlen. Sondern über ein Gefühl. «Bei Innenstadtthemen kommt man gar nicht um uns herum. Allen ist klar, wofür ein City-Management steht und wie wir unterstützen können. Und wir dürfen in einer bunten Palette erzählen, wo wir aktiv wirken konnten.» Es ist eine bescheidene Zielsetzung – und gerade deshalb glaubwürdig.
Luzern als Wohn- und Erlebnisort wird auch in Zukunft eine Stadt der Spannungen bleiben: zwischen Tradition und Wandel, zwischen Einheimischen und Gästen, zwischen knappem Wohnraum und hoher Lebensqualität. Was die Stadt aussergewöhnlich macht, ist nicht das Fehlen dieser Spannungen, sondern wie offen darüber gesprochen wird. In Quartiervereinen, in Volksabstimmungen, in Forschungsinstituten, am Stammtisch – und neuerdings eben auch im Büro eines City-Managers, dessen Blick selbst beim privaten Spaziergang nicht mehr ganz Feierabend macht.
Quellen
City-Management Luzern: «Ergebnisse der Umfrage zur Luzerner Innenstadt», 30. Oktober 2025 – citymanagement-luzern.ch; Stadt Luzern: «Vision Tourismus Luzern 2030» – stadtluzern.ch; SRF: «Tourismusstadt – neue Touristen, alte Sorgen: Luzern unter Druck», Juli 2025 – srf.ch; SRF: «Rücksicht auf Einheimische – Neue Kampagne von Schweiz Tourismus», November 2025 – srf.ch; NZZ: «Overtourism in Luzern: Konfrontation mit den Touristenmassen und den eigenen Vorurteilen», August 2024 – nzz.ch; Zentralplus: «Tourismus-Gegner: ‹Luzern braucht keine neuen Rekorde›», 2026 – zentralplus.ch; Wirtschaftsförderung Luzern: «Lebensraum Luzern» – luzern-business.ch; Wikipedia: Stadt Luzern – Eckdaten Bevölkerung, Geografie, Klima (Stand Dezember 2024)

