Fabio Scherer
Motorsport ist für viele mehr als nur ein Hobby – für manche wird er zum Lebensweg. Im Interview mit «bestforyou» spricht der in Engelberg wohnhafte und in Luzern geborene Profi-Rennfahrer Fabio Scherer über seinen speziellen Beruf, den ständigen Balanceakt zwischen Leidenschaft und Risiko und die innere Stärke, die ihn durch jede Herausforderung führt.
Interview: Ronnie Hürlimann
Fabio, was bedeutet Motorsport für dich persönlich – es ist wohl mehr als nur ein Beruf, richtig?
Absolut, Motorsport ist mein Leben. Seit ich mit acht Jahren angefangen habe, begleitet mich diese Leidenschaft. Es geht weit über einen Beruf hinaus – es ist Teil meines Wesens.
Gab es ein prägendes Erlebnis in deiner Karriere, das dich besonders herausgefordert hat und das du nie vergessen wirst?
Ein starkes Erlebnis war das 24-Stunden-Rennen in Le Mans, als ich mit gebrochenem Fuss weiterfuhr. Der Mut, das durchzustehen, und die Erleichterung nach der Ziellinie waren unvergesslich. Natürlich gab es in meiner Karriere auch Rückschläge: In der Formel 3 gab es leere Versprechungen, die meine Karriere ins Stocken brachten, und während der Corona-Zeit war alles ungewiss. Diese Momente waren schmerzhaft, aber sie haben mir auch eine innere Stärke gegeben, die sich nur durch solche Erfahrungen entwickelt.
Du hattest kürzlich ein Rennen, bei dem dein Auto Feuer fing – wie gehst du in solchen Extremsituationen mental vor?
Auf solche Extremsituationen kann man sich nie ganz vorbereiten. Es ist fast wie eine Gabe, in solchen Momenten ruhig zu bleiben und instinktiv die richtige Entscheidung zu treffen. Mentaltraining hilft sicher, aber wenn du mitten in so einer Situation steckst, läuft vieles automatisch. Mir ist in dem Moment bewusst geworden, wie riskant unser Sport wirklich ist. Ich denke, ein gewisses Restrisiko gehört dazu – das macht auch den Reiz des Motorsports aus. Doch der Gedanke an die Gefahr wird erst im Nachhinein richtig bewusst. Während des Rennens bleibt man fokussiert und blendet alles andere aus.
Erst kürzlich mussten wir aus dem Skisport erfahren, dass ein 18-jähriges Nachwuchstalent beim Training ihr Leben verlor. Was ging bei dir durch den Kopf, als du das gehört hast?
Solche Meldungen schockieren und der Tod von Anthoine Huber in der Formel 2 vor fünf Jahren hat mich tief getroffen. Diese Erfahrung lässt einen realisieren, dass das Risiko immer da ist, aber es darf nicht zum ständigen Begleiter werden. Wenn man mit Angst fährt, sollte man besser aufhören.
Motorsport ist körperlich und mental extrem fordernd. Wie bereitest du dich auf so intensive Herausforderungen wie das 24-Stunden-Rennen von Le Mans vor?
Physische Fitness ist zentral. Ausserdem trainiere ich mentale Fähigkeiten, wie das schnelle Wechseln zwischen Schlaf und Fokus. Auch Live-Kinetik-Übungen helfen, die Reaktionsfähigkeit zu verbessern. Ausserdem ist es wichtig, jederzeit Ruhe zu finden. Atemtechniken helfen mir dabei, mich schnell zu beruhigen und zu fokussieren. Mein Coach ist 24 Stunden lang an meiner Seite, gibt mir Massagen und sorgt dafür, dass ich die nötige Energie habe.
Nach einem anstrengenden Rennen oder einer harten Saison: Wie findest du wieder Ruhe und Ausgleich?
Der Tag nach einem Rennen fühlt sich wie ein Kater an, der Körper ist ausgelaugt. Das Schlimmste ist, wenn du danach nach Hause fahren musst. Dann fühlt es sich an wie Laufen. Du kannst 160 kmh fahren und das Gefühl ist wie Stillstand. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man das nicht erlebt hat. Es ist ein ganz spezielles Gefühl. Mein Ausgleich sind die Berge und Sport mit Freunden – das gibt mir die nötige Ruhe.
Gab es Momente, in denen du an deiner Karrierewahl gezweifelt hast? Wenn ja, was hat dich trotzdem weitermachen lassen?
Zweifel kommen oft, besonders wenn finanzielle Hürden auftreten. In solchen Momenten frage ich mich schon, ob ein anderer Weg einfacher gewesen wäre. Aber letztlich treibt mich die Leidenschaft und der Gedanke an den nächsten Sieg. Motorsport ist ein Teamsport, und ohne ein gutes Team und die Unterstützung der Menschen um mich herum geht es nicht. Ich bin dankbar für jede Unterstützung, ob von Sponsoren, Familie oder Freunden. Das gibt mir die Kraft, weiterzumachen, auch wenn es mal schwierig wird.
Was würdest du jungen Menschen raten, die ebenfalls eine Karriere im Spitzensport anstreben?
Es müssen viele Faktoren zusammenpassen, sonst funktioniert es nicht. Im Spitzensport braucht man einen grossen Traum, der im Hintergrund mitschwingt, aber man muss gleichzeitig im Hier und Jetzt leben. Jeder kommt irgendwann an den Punkt, an dem man denkt: «Soll ich wirklich weitermachen?» Dann ist es entscheidend, aufzustehen, zu analysieren und sich zu fragen: «Was machen andere besser als ich?» Am Ende ist der erfolgreich, der mit Leidenschaft dabei bleibt und immer wieder durchbeisst.







