Es gibt Momente im Berufsleben, die einen kurz aus der Bahn werfen. Eine Entlassung gehört zu den härtesten davon. Sie trifft den Stolz, die Identität, manchmal das Konto. Und trotzdem steckt hinter dem Ereignis in vielen Fällen mehr als nur ein Rückschlag. Oft ist es der Beginn von etwas, das deutlich besser zu einem passt.
Kolumne DIE KUNST BERUFLICHER ZUFRIEDENHEIT
Autor: Ronnie Hürlimann, Experte für Selbstvermarktung im Berufsleben
Der erste Moment einer Kündigung ist einer der unangenehmen: Ein Boden, der sich entzieht. Schock, Unglaube, manchmal auch Wut. In meinen Coachings erlebe ich immer wieder, wie Menschen in dieser Phase reflexartig handeln wollen. Sofort Bewerbungen verschicken, sofort das Nächste organisieren, sofort wieder Sicherheit schaffen. Das ist verständlich. Aber meistens nicht hilfreich.
Der Schock gehört dazu
Wer entlassen wird, durchläuft Phasen, die sich nicht abkürzen lassen. Zunächst dominiert der Schock. Dann kommt Unglaube, manchmal gefolgt von Wut oder Trauer. Das ist kein Schwächezeichen, das ist eine normale Reaktion auf ein einschneidendes Erlebnis. Der Körper und der Kopf brauchen Zeit, um zu verarbeiten, was passiert ist. Wer diese Phase überspringt, schleppt sie mit in den nächsten Job.
Mein Rat: Gib dir bewusst ein paar Tage. Nicht als Selbstmitleid, sondern als Investition in Klarheit. Wer erst verarbeitet, bevor er handelt, trifft bessere Entscheidungen.
Die Stille danach ist kein Verlust
Nach dem ersten Schock kommt eine Phase, die viele als unangenehm empfinden: die Stille. Der Kalender ist plötzlich leer. Die Struktur fehlt. Das Telefon klingelt seltener. In dieser Phase passiert etwas Wichtiges, man hört sich selbst wieder.
In meiner Arbeit mit Menschen in beruflichen Übergängen beobachte ich, dass genau diese Phase die wertvollste ist. Sie bringt Fragen ans Licht, die jahrelang unter der Oberfläche lagen: War das wirklich mein Job, oder nur mein Gewohnheitsplatz? Habe ich die Stelle gehalten, weil sie gut war, oder weil es bequem war, zu bleiben?
Was die Kündigung dir wirklich sagt
In vielen Fällen markiert eine Entlassung das Ende von etwas, das ohnehin nicht mehr stimmig war. Ein Umfeld, das man sich selbst nicht mehr erlaubt hätte zu verlassen. Ein Job, der nur noch funktionierte, aber nicht mehr lebte. Die Kündigung von aussen gibt zurück, was man sich selten selbst gönnt: die Erlaubnis zum Aufbruch.
Das bedeutet nicht, dass der Schmerz falsch ist. Es bedeutet, dass die Situation eine Frage stellt, die man sich jetzt ehrlich beantworten darf: Was will ich eigentlich? Nicht, was gerade auf den Markt passt. Nicht, was das Umfeld erwartet. Sondern: Was entspricht mir?
Wie du dich jetzt richtig vorbereitest
Wer eine Entlassung gut übersteht, ist selten derjenige, der am schnellsten wieder einen Job hat. Es ist derjenige, der die Phase nutzt, um sich neu zu positionieren. Konkret heisst das drei Dinge:
- Netzwerk aktivieren, bevor es brennt. Wer erst in der Krise auf Menschen zugeht, hat es schwerer. Wer kontinuierlich Kontakte pflegt, hat ein Fundament, das trägt.
- Die eigenen Stärken kennen. Nicht aus einer alten Stellenbeschreibung, sondern aus dem, was wirklich geflossen ist. Wann warst du zuletzt wirklich gut und dabei im Flow?
- Finanzielle Sicherheit aufbauen. Nicht als Angstvorsorge, sondern als Werkzeug für echte Entscheidungsfreiheit. Wer nicht sofort das Erstbeste annehmen muss, kann wählen.
Und wenn du gerade mittendrin steckst und dich nicht vorbereitet hast? Dann ist das kein Versagen. Die wenigsten Menschen bereiten sich auf eine Entlassung vor, das ist menschlich. Was zählt, ist nicht, wo du gerade stehst, sondern in welche Richtung du deinen nächsten Schritt machst. Viele der erfüllendsten Karrierewege begannen an ihrem tiefsten Punkt. Der Boden ist ein schlechter Daueraufenthaltsort, aber ein guter Startpunkt. Ich bin übrigens der beste Beweis dafür. Meine Geschichte kannst du dir kostenlos als Mini eBook auf meiner Webseite herunterladen.
Der nächste Schritt ist kleiner als du denkst
Veränderung fühlt sich von innen immer grösser an als sie ist. Oft braucht es keinen grossen Sprung, sondern den ersten kleinen Schritt. Ein Gespräch. Eine ehrliche Frage an sich selbst. Einen Moment, in dem man aufhört zu warten und anfängt zu gestalten.
Eine Entlassung ist kein Urteil über deinen Wert. Sie ist ein Ereignis, das eine Tür schliesst. Und meistens öffnet sich kurz danach eine andere, die du aus dem alten Zimmer heraus nie gesehen hättest.







