Über die Hälfte der Schweizer Beschäftigten ist nicht mehr zufrieden mit dem eigenen Berufsleben. Trotzdem ändert kaum jemand etwas. Lieber ausharren, lieber funktionieren, lieber weiterhin Dienst nach Vorschrift. Doch jeder Tag ohne Freude an der Arbeit ist ein verlorener Tag im Leben – und Komfortzone ist längst keine sichere Zone mehr.
Kolumne DIE KUNST BERUFLICHER ZUFRIEDENHEIT
Autor: Ronnie Hürlimann, Experte für Selbstvermarktung im Berufsleben
Die Zahlen sind ernüchternd. Gemäss dem aktuellen Gallup-Report (Quelle: www.gallup.com) sind in der Schweiz nur noch 45 Prozent der Beschäftigten zufrieden und blicken zuversichtlich in die Zukunft – vor der Pandemie waren es noch fast 70 Prozent. Nicht einmal jeder Zehnte fühlt sich emotional an seinen Arbeitgeber gebunden. Über 80 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, jeder Zehnte hat innerlich bereits gekündigt. Und das Erstaunliche: Die meisten dieser Menschen bleiben trotzdem. Sie wechseln nicht den Job. Sie sprechen nicht mit der Vorgesetzten. Sie tun – nichts.
In meinen Coachings begegne ich diesen Menschen jeden Tag. Sie sitzen mir gegenüber und erzählen von Sonntagabenden mit Bauchweh, von montäglicher Erschöpfung schon vor dem Mittag, von Jahren, die wie im Nebel vergehen. Und am Ende kommt fast immer derselbe Satz: «Eigentlich weiss ich, dass etwas nicht stimmt.» Eigentlich. Dieses kleine Wort ist verräterisch. Es bedeutet: Ich spüre es, aber ich weiche aus.
Die trügerische Sicherheit der Komfortzone
Komfortzone klingt nach Wärme und Geborgenheit. In Wahrheit ist sie oft das Gegenteil: ein gut eingerichteter Käfig. Man kennt die Abläufe, die Kolleginnen, das Pendelnis, das Mittagsmenü. Es tut nicht weh – aber es lebt auch nicht. Und genau das ist das Risiko, das viele übersehen: Wer bleibt, weil es bequem ist, zahlt einen Preis in der Währung Lebenszeit.
Dazu kommt eine zweite, härtere Wahrheit: Die Komfortzone ist gar nicht so sicher, wie sie scheint. Restrukturierungen, Fusionen, Künstliche Intelligenz, neue Geschäftsmodelle – die Arbeitswelt verändert sich rasant. Wer Jahre damit verbringt, zu funktionieren statt zu wachsen, steht im Ernstfall mit leeren Händen da. Nicht weil er nichts kann, sondern weil er sich selbst verloren hat.
Jeder Tag ohne Freude ist ein verlorener Tag
Rechnen wir kurz: Wer 40 Stunden pro Woche arbeitet, verbringt rund einen Drittel seines wachen Lebens am Arbeitsplatz. Bei 40 Berufsjahren sind das über 80’000 Stunden. Stelle dir die Frage: Willst du wirklich 80’000 Stunden mit dem Gefühl verbringen, dass dir etwas Wichtiges entgeht? Dass du weder gefordert noch gesehen wirst? Dass du am Freitagabend nur noch erleichtert bist, weil zwei Tage Pause kommen?
Das ist kein Luxusproblem. Es ist eine Frage der Lebensqualität. Und sie betrifft nicht nur dich – sondern auch die Menschen um dich herum. Wer abends ausgelaugt nach Hause kommt, hat keine Energie mehr für Partner, Kinder, Freunde, sich selbst. Unzufriedenheit im Beruf ist ein stiller Mitbewohner, der überall mit einzieht.
Was Leidenschaft wirklich bedeutet
«Tue es mit Leidenschaft oder lass es bleiben» – das heisst nicht, dass jeder Job ein ständiges Glücksgefühl produzieren muss. Auch der erfüllendste Beruf hat zähe Tage, mühsame Aufgaben, unangenehme Gespräche. Leidenschaft bedeutet nicht Dauereuphorie. Sie bedeutet, dass im Kern eine Übereinstimmung besteht – zwischen dem, was du tust, und dem, was dir wichtig ist – egal ob du im Büro, im Café oder auf dem Bau arbeitest. Zwischen deinen Stärken und dem, was gefragt ist. Zwischen deinem Leben und deinem Lebensunterhalt.
Und genau diese Übereinstimmung lässt sich überprüfen. Mit ehrlichen Fragen: Wofür stehe ich morgens auf? Wann fühle ich mich lebendig? Welche Tätigkeit lässt mich die Zeit vergessen? Wo habe ich das Gefühl, etwas beizutragen, das mir entspricht? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, weiss meist sehr genau, wo er steht. Und ob er bleiben oder gehen sollte.
Der erste Schritt ist klein – und entscheidend
Veränderung muss nicht Kündigung heissen. Sie kann auch bedeuten: ein Gespräch mit der Führung führen, eine Weiterbildung beginnen, sich extern coachen lassen, einen Quereinstieg prüfen, ein Standortgespräch mit sich selbst halten. Wichtig ist nur, überhaupt einen Schritt zu machen. Denn wer aus der Stärke handelt, gestaltet. Wer wartet, bis es nicht mehr geht, wird gestaltet.
Mein Appell ist einfach: Sei ehrlich mit dir. Wenn du in deinem Beruf seit Monaten nur noch Dienst nach Vorschrift leistest, dann ist das ein Signal. Kein Drama, aber auch kein Detail. Dein Berufsleben ist zu lang, um es im Halbschlaf zu verbringen. Tue es mit Leidenschaft – oder lass es bleiben. Beides ist mutig. Nur das Dazwischen ist gefährlich.







