Der Bundesrat ergreift Notrecht und ordnet drastische Massnahmen an, um den Coronavirus einzudämmen. Viele Menschen sorgen sich, seit das Virus die Schweiz erreicht hat – und einige haben sogar sehr grosse Angst. Risikoforscher Gerd Gigerenzer hat eine Erklärung für diese Furcht vor dem Virus.

Dass wir uns vor dem Coronavirus fürchten, hat Folgen. Menschen bleiben zuhause, Flugzeuge am Boden, Kitas, Schulen, ganze Firmen werden geschlossen. Bild: Pixabay.

Professor Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz. Zudem ist er Bestseller-Autor («Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft») und wird von manchen gar als «Risikopapst» bezeichnet.

Es seien die Schockrisiken, vor denen wir uns fürchten: Gefahren, durch die viele Menschen zu einem kurzen Zeitpunkt ums Leben kommen. Ein Flugzeugabsturz, ein Terroranschlag, eine Pandemie. Autofahren, Motorradfahren, Zigarettenrauchen: Alles sei nach aktuellem Stand deutlich gefährlicher für den einzelnen als das Coronavirus, sagt Gigerenzer im Interview mit ZDF. Angst davor habe aber kaum jemand. Auch, weil Medien darüber nicht so intensiv berichten. Weil es an den Vergleichen fehlt.

Prof. Gerd Gigerenzer: «Was wir brauchen, ist ein vernünftiger Umgang mit der Ungewissheit. Niemand weiss, wo diese Sache mit dem neuen Coronavirus hingeht», sagt Gigerenzer. Aber deshalb überzureagieren, sei genau das Falsche. Bild: Youtube.

Kitas, Schulen, Firmen werden geschlossen

Dass wir uns vor dem Coronavirus fürchten, hat Folgen. Menschen bleiben zuhause, Flugzeuge am Boden, Kitas, Schulen, ganze Firmen werden geschlossen. Gigerenzer hat die Folgen dieser Angst nach anderen Schockrisiken erforscht, etwa nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001. Viele Amerikaner verzichteten in Folge des Anschlags auf Reisen mit dem Flugzeug. Die Folge: ein massiver wirtschaftlicher Einbruch einer ganzen Branche. Und: deutlich mehr Todesfälle.

Denn viele Amerikaner hätten statt des Flugzeugs das Auto genommen. Das Risiko zu sterben, ist im Strassenverkehr aber deutlich höher als in der Luft. «Meinen Berechnungen zufolge hat das 1600 Amerikanern zusätzlich das Leben gekostet», sagt Gigerenzer. Die Angst hatte also tödliche Folgen. Und Gigerenzer folgert: «Wir müssen Angst haben vor unserer eigenen Angst.»

WHO prognostizierte Millionen Schweinegrippe-Tote

Ihn wundere, sagt Gigerenzer, dass man aus den letzten Gesundheitskrisen dieser Art nichts gelernt habe – von Sars bis zur Schweinegrippe. «Schauen Sie doch ins Archiv», sagt er: Bei der Schweinegrippe hätte es über Wochen die selben Schlagzeilen gegeben. Zahlreiche Schulen seien in Deutschland geschlossen worden. Die WHO habe Millionen Tote prognostiziert.

Vernünftiger Umgang mit Coronavirus

Das sei eines der grössten Risiken, sagt Gigerenzer: Dass Politiker unter Druck gesetzt werden zu handeln. Und dass sie überreagieren, um sich nicht dem Vorwurf der Untätigkeit ausgesetzt zu sehen. «Was wir brauchen, ist ein vernünftiger Umgang mit der Ungewissheit. Niemand weiss, wo diese Sache mit dem neuen Coronavirus hingeht», sagt Gigerenzer. Aber deshalb überzureagieren, sei genau das Falsche.