Es gibt Momente in meinen Coachings, in denen Menschen sich selbst zum ersten Mal zuhören. Nicht mir – sich selbst. Sie hören ihre Unzufriedenheit laut und deutlich, weil ich nur ein paar gezielte Fragen stelle. Fragen wie: «Wofür stehst du jeden Morgen auf?» oder «Wann hast du dich zuletzt lebendig gefühlt in deinem Beruf?» Die Antworten kommen oft zögerlich, dann erschütternd klar. Und sie enden fast immer mit demselben Satz: «Ich weiss, ich müsste etwas ändern … aber ich weiss nicht, wie.»
Kolumne DIE KUNST BERUFLICHER ZUFRIEDENHEIT
Viele Menschen glauben, ihr berufliches Problem sei der falsche Job. Und ja – manchmal ist es tatsächlich der Arbeitsplatz, der nicht (mehr) passt. Doch viel häufiger ist es etwas anderes: ein innerer Widerstand gegen Veränderung. Eine lähmende Angst davor, Gewohntes loszulassen. Ein Lebensstil, geprägt von negativen Glaubenssätzen, die sich tief in den Alltag gefressen haben – leise, aber wirkungsvoll.
Autor: Ronnie Hürlimann, Experte für Selbstvermarktung im Berufsleben
Zwischen Sehnsucht und Selbstsabotage
Ich habe mittlerweile einige Menschen auf ihrem Weg zu mehr beruflicher Erfüllung begleitet. Menschen, die den Mut aufbringen, sich neu auszurichten – teils aus freien Stücken, teils aus äusserer Notwendigkeit. Doch was mich immer wieder berührt und zugleich beschäftigt: Wie viele von ihnen hätten viel früher starten können. Und wie viele melden sich bei mir – inspiriert, aufgewühlt, voller Hoffnung – nur um sich dann doch wieder zurückzuziehen.
Sie fühlen sich gesehen, verstanden, motiviert. Der Wunsch nach Veränderung ist da, sogar eine konkrete Lösung liegt vor ihnen. Doch sie tun – nichts. Warum?
Weil nicht der Beruf das Problem ist. Sondern das Selbstbild. Die Angst. Die Vorstellung, nicht gut genug zu sein. Nicht bereit. Nicht sicher. Weil sie gelernt haben, dass man sich anpasst, durchbeisst, funktioniert. Dass Träume naiv sind. Dass man Verantwortung trägt – für Familie, Haus, Lebenslauf.
So bleibt alles beim Alten. Und die Unzufriedenheit? Wird weggelächelt, betäubt, verdrängt. Bis irgendwann der Körper oder das Schicksal nicht mehr mitspielt.
Vom selbstgewählten Weg zur Pflichtübung
Ein aktuelles Beispiel: Ein Mann Mitte fünfzig, nennen wir ihn Benno, war vor rund einem Jahr bei mir in einem Strategiegespräch. Angestellt in einem renommierten Unternehmen, mit solidem Gehalt – und dennoch zutiefst unzufrieden. Schon lange hatte er das Gefühl, seine Energie zu verschwenden. Er wollte mehr Sinn, mehr Leichtigkeit, mehr Leben in seinem Berufsalltag. Wir führten ein intensives Erstgespräch, arbeiteten mit einem Kurztest zur beruflichen Standortbestimmung, identifizierten erste Handlungsschritte. Er war begeistert – und dann verschwand er.
Jetzt ist er zurück. Nicht freiwillig. Das RAV hat ihn mir zugewiesen, um ihn für den Bewerbungsmarkt fit zu machen. Die Kündigung kam unerwartet – oder vielleicht doch nicht. Sein Auftreten ist verändert. Nicht mehr kraftvoll suchend, sondern erschöpft und resigniert. Der Weg, den er damals aus der Stärke hätte beginnen können, muss nun aus der Not heraus gegangen werden. Und das ist ein gravierender Unterschied.

Veränderung braucht kein Drama – nur Bewusstsein
Dieses Beispiel zeigt: Berufliche Veränderung ist selten ein logistisches Problem. Die richtigen Fragen, Tools und Strategien gibt es. Es ist ein emotionales Thema. Veränderung berührt Identität, Sicherheit, Selbstwert. Wer sich selbst im Weg steht, dem hilft kein neuer Job – sondern ein neuer Blick auf sich selbst.
Und genau deshalb beginnt jeder meiner Coachings nicht mit Lebenslauf-Optimierung, sondern mit einem Perspektivenwechsel. Mit der Frage: «Was hältst du eigentlich für möglich – für dich?»
Denn wer tief in sich überzeugt ist, dass er nicht viel erwarten darf, wird genau das bekommen: nicht viel. Berufliche Zufriedenheit beginnt dort, wo wir innere Überzeugungen aufdecken und hinterfragen. Wo wir uns erlauben, mehr zu wollen – ohne gleich als undankbar, naiv oder egoistisch zu gelten.
Der Schlüssel liegt in der Selbstverantwortung
Ich weiss, es ist nicht einfach. Wer seit Jahren in einem System funktioniert, hat oft Angst, sich selbst zu enttäuschen. Oder andere. Veränderung bedeutet nicht immer gleich Kündigung, Neuanfang, Abenteuer. Manchmal bedeutet es nur, den ersten Schritt zu gehen: ein Gespräch führen, eine Weiterbildung starten, sich selbst ernst nehmen.
Denn wer wartet, bis es nicht mehr geht, hat den Spielraum verspielt. Wer hingegen aus der Stärke handelt – aus Klarheit, aus Selbstrespekt – der eröffnet sich Chancen, bevor er muss.


