Moderator Andy Wolf spricht im Vodcast von Radio Lozärn mit Karin Stadelmann, Kantonsrätin, Parteipräsidentin der Mitte im Kanton Luzern und Vizepräsidentin der Mitte Schweiz. Das Gespräch führt von den Anfängen einer politischen Karriere, die niemand geplant hatte, über die Faszination der direkten Demokratie bis hin zu Stadelmanns wissenschaftlicher Arbeit rund um Begleitung und Betreuung am Lebensende, ein Thema, das sie mit ebenso viel Leidenschaft verfolgt wie ihre politischen Vorstösse.
Vom Familientisch ins Parlament
Karin Stadelmann wuchs in einem Haushalt auf, in dem politisch quer durch alle Themen diskutiert wurde. Dass sie selbst einmal Parteipräsidentin werden würde, war für die junge Karin Stadelmann schlicht undenkbar. Den entscheidenden Impuls gab ihr ein Professor gegen Ende des Studiums: Wer etwas verändern wolle, müsse in die Politik gehen. Dieser Satz blieb ihr im Hinterkopf. Als sie dann von Andrea Gmür eingeladen wurde, bei der damaligen CVP vorbeizuschauen, ahnte sie nicht, dass sie direkt in eine Nominationsversammlung geraten würde. «Als ich nach Hause gekommen bin und gesagt habe, ich kandidiere jetzt für die CVP, hat mein Vater gemeint: Ist das jetzt nötig?» Heute sind ihre Eltern stolz auf sie, das spüre man deutlich, sagt sie.
Ausdauer als politische Stärke
Andy Wolf möchte wissen, ob es nicht zermürbend sei, wenn ein Entscheid gefallen ist und dann ein Referendum alles wieder auf Anfang setzt. Als Beispiel nennt er das Zürcher Fussballstadion, über das viermal abgestimmt wurde. Stadelmann sieht das gelassen: Das gehöre zur Demokratie. Jede Person dürfe mitbestimmen. «Du musst einen langen Atem haben, aber wenn es dir gelingt, für dein Anliegen Menschen zu gewinnen, von der SVP bis zu den Grünen, dann geht es schon wieder schnell.» Als Beispiel für gelungenes politisches Momentum nennt sie Walter Stierli und den Bau des Luzerner Stadions. Stierli habe verstanden, die Wirtschaft ins Boot zu holen, habe Leidenschaft gezeigt und mit vielen Menschen gesprochen. «Ich bin fast überzeugt, heute würde es leider etwas länger dauern, bis man es so hinbringen kann.» Das Luzerner Theater hingegen habe keine vergleichbare Galionsfigur gehabt und entsprechend schwieriger abgeschnitten. Für Stadelmann ist klar: Wer etwas bewegen will, braucht Pioniergeist und die Fähigkeit, Menschen zu begeistern, in der Politik genauso wie in der Wirtschaft.
Abstimmungssonntage: Adrenalin, Espresso und Elefantentränen
Wie erlebt Stadelmann einen Abstimmungssonntag? Andy Wolf hakt nach: Nach dem Morgenlauf setzt sie sich hin, geht Medienmitteilungen durch und bereitet sich auf beide Szenarien vor. Ab zwölf Uhr dann Handy, Laptop, News-Ticker. «Ich merke, dass ich wirklich emotional werde. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen, egal wie entschieden wird.» Wenn die Partei ein eigenes Abstimmungsthema hat, trifft man sich gemeinsam, im Kanton oder in Bern. Dann wird gefiebert, philosophiert und wenn das Ergebnis feststeht, müssen Medienanfragen beantwortet und Rücksprachen gehalten werden. «Am Abend bin ich fix und fertig.» Ihr Partner erlebe sie dann auch emotional, manchmal mit Tränen. Für Stadelmann verbindet sich jeder Abstimmungssonntag mit einem Grundgefühl: Dankbarkeit dafür, dass die Schweiz viermal im Jahr direkte Demokratie lebt und dass sie Teil davon sein darf.
Drei Hüte, eine Haltung
Kantonsrätin, Parteipräsidentin der Mitte Luzern, Vizepräsidentin der Mitte Schweiz, wenn Andy Wolf die Ämter aufzählt, lacht Stadelmann: «Dann denke ich auch, oh ja, das klingt nach viel. Was macht die eigentlich den ganzen Tag?» Für sie selbst greifen die drei Funktionen aber gut ineinander. Als Vizepräsidentin kann sie den Blick des Gründungskantons Luzern einbringen und sich thematisch auf Gesundheitspolitik sowie Bildungs- und Fachkräftefragen konzentrieren. Als Kantonsrätin ist sie direkter im Fokus, die Basis erwartet Präsenz, Journalisten rufen sofort an, wenn etwas passiert. Als Vizepräsidentin auf nationaler Ebene arbeitet sie im Team rund um Parteipräsident Philipp Matthias Bregy, wo verschiedene Köpfe verschiedene Kompetenzen abdecken. «Ich bin sehr gerne Teil dieses Teams», sagt sie. Auf die Frage nach den Nationalratswahlen 2027 antwortet sie klar: Zuerst müsse die Partei die Wiederwahlen im Kanton erfolgreich gestalten. Dann werde sie sich überlegen, was der nächste Schritt sei. Dass sie den Sprung nach Bern anstrebt, liegt auf der Hand, zumal der Kanton Luzern künftig einen Sitz mehr im Nationalrat erhält.
Von der Bar zur Sozialwissenschaft
Der berufliche Weg von Karin Stadelmann ist alles andere als geradlinig. Sie begann mit einem Jusstudium, brach es aber nach dem dritten Semester ab und arbeitete den Sommer über im Service und an der Bar. «Die beste Entscheidung ever», sagt sie rückblickend. Dann kam das Sozialwissenschaftsstudium in Zürich, mit Jus im Nebenfach. Im Bachelor kämpfte sie mit den Noten, im Master öffnete sich dann der Knoten. Ihre Doktormutter drängte sie zur Dissertation, Stadelmann wollte aber zuerst arbeiten und ein Thema finden, das der Bevölkerung wirklich etwas bringt. Zwei, drei Jahre später wurde sie fündig: Begleitung und Betreuung von Menschen am Ende ihrer Lebensreise. «Da habe ich gesagt, ich mache das. Da kann ich etwas bewegen.» Aus der Forschung entstand auch ein Fachbuch, das 2024 erschienen ist.
Zwischen Lebensfreude und Lebensende
Dass jemand wie Stadelmann ausgerechnet den Tod als Forschungsschwerpunkt wählt, ist für Andy Wolf eine spannende Frage. «Wenn jemand diese Welt in Frieden verlassen kann, ist das eine immens schöne Erfahrung.» Sterben, Tod und Trauer seien in unserer Gesellschaft noch immer Tabuthemen, dabei treffe es jeden.
Stadelmann besucht Hospize und Kinderabteilungen, sie sieht das Sterben aus der Nähe. «Das lässt mich überhaupt nicht kalt», sagt sie. Gleichzeitig denke sie jedes Mal an all die Ärztinnen, Pflegefachpersonen und Sozialarbeitenden, die es in Zukunft brauche, um gute Begleitung zu ermöglichen. Ob die Schweiz heute besser aufgestellt sei als noch vor Jahren? «Wir sind dran. Die Politik hat es endlich erkannt. Aber es braucht noch einiges, im Bereich der Förderung von Fachpersonen, bei Tarifierungsleistungen und in der Wahrnehmung der Bevölkerung.»
An der Hochschule Luzern (HSLU) arbeitet Stadelmann derzeit zu 70 Prozent, sie hat ihr Pensum leicht reduziert, um Raum für politische Engagements und das zweite Buch zu schaffen. Ihre Forschung ist angewandt: Evaluationen innovativer Kinderbetreuungsstrukturen, Projekte mit der Spitex zur besseren Erhebung von Betreuungsleistungen sowie Konzeptarbeit. Neu dazu gekommen ist die Beratung von Unternehmen, deren Mitarbeitende schwer oder chronisch krank sind. «Wenn jemand palliativ ist, stirbt diese Person nicht am nächsten Tag», betont sie. Solche Menschen könnten oft noch Jahre oder Jahrzehnte arbeiten und Unternehmen bräuchten Konzepte, wie sie ihre Teams dabei unterstützen könnten. Ähnlich wie Matthias Bachmann, der im Gespräch mit Andy Wolf über persönliche Grenzerfahrungen sprach, zeigt auch Stadelmann, wie Leidenschaft und Fachkompetenz zusammenwachsen können.
Luzern, Thai-Curry und «No Risk, No Story»
Am Ende des Gesprächs wird es persönlich. Stadelmann beschreibt sich als Frühaufsteherin – sogar an freien Tagen steht sie um sieben Uhr auf. Sie joggt, spielt Tennis, wandert und kocht gerne. Ihr Thai-Curry sei gut und ihr Rindsfilet-Niedergar werde gelobt. Desserts hingegen überlasse sie ihren Gästen. Die schönste Stadt der Welt? Luzern, ohne Zögern. «Von der Lage her, der Fluss, der Vierwaldstättersee, du kannst flanieren, du kannst super gut essen. Was willst du mehr?» Andy Wolf stimmt ihr zu. Und wenn es eine Biografie über Karin Stadelmann gäbe, welchen Titel hätte das Buch? Sie überlegt kurz, dann antwortet: «No Risk, No Story.»







