Im Vodcast von Radio Lozärn spricht Moderator Andy Wolf mit Marco Estermann, Rektor der KV Luzern Berufsfachschule. Das Gespräch dreht sich um die grosse Abschlussfeier im KKL, die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz im Unterricht und um Estermanns eigenen Weg vom Swissair-Piloten zum Schulleiter.
Zwischen Strategie und Schulzimmer
Zu Beginn des Gesprächs fragt Andy Wolf, was ein Rektor eigentlich macht. Marco Estermann, seit einem Jahr Rektor und Mitglied der Geschäftsleitung, versteht seine Rolle vor allem darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Lehrpersonen Gestaltungsspielraum haben und die laufenden Reformen umsetzen können. Den Vergleich mit einem CEO lässt er teilweise gelten, betont aber, seine Arbeit sei noch stärker auf den direkten Kontakt mit Menschen ausgerichtet. Er sei nicht mehr im Tagesgeschäft eingebunden und unterrichte auch nicht mehr. Für die strategische Ausrichtung brauche er jedoch die Nähe zu Prorektoraten, Teamleitungen und Lehrpersonen: «Am Schluss passiert das, was wichtig ist, im Schulzimmer. Und das muss man miteinander gestalten können.»
Künstliche Intelligenz verändert den Unterricht
Ein grosser Teil des Gesprächs dreht sich um die Digitalisierung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Gerade beim Thema KI gehe es darum, dass diese überhaupt einen Platz in den Ausbildungsgängen finde und die Lernenden lernten, sie kritisch und kompetent anzuwenden. Dafür brauche es ein solides Basiswissen: «Ich bin der Master über die KI und nicht die KI leitet mich.» Andy Wolf bringt seine eigene Erfahrung als Dozent ein: Früher habe man für Gruppenarbeiten 20 Minuten Zeit gegeben, heute könnten Lernende das Resultat mit einem Klick erstellen. Estermann sagt, man suche derzeit nach neuen Wegen. Aufgaben sollten stärker mit dem Praxis- und Lebensalltag der Lernenden verbunden werden. Kritisch äussert er sich zur Abschlussprüfung, bei der erstmals KI zugelassen war («Open Book», «Open Notebook» und KI). Das sei nicht der richtige Weg, da schriftliche Prüfungen dadurch an Aussagekraft verlieren würden. Sinnvoller wäre es, wenn Lernende ihre Arbeiten mit KI-Unterstützung erarbeiten und diese anschliessend in einem Kolloquium verteidigen.
Grosse Abschlussfeier im KKL
Am Donnerstag, 2. Juli 2026, feiern die Absolventinnen und Absolventen des KV Luzern im KKL ihren Abschluss. Für Estermann ist dieser Anlass jedes Jahr ein besonderes Highlight und, wie er sagt, sei er wohl der Nervöseste von allen. Logistisch ist der Event eine Herausforderung: Im Vorjahr waren es rund 4’500 Personen im KKL. Die Feier wird deshalb aufgeteilt, zuerst der Detailhandel, dann die Kaufleute und danach die Berufsmaturität. Estermann spricht von einer «Höchstleistung in der Organisation». Daran beteiligt seien das Bausekretariat sowie zahlreiche Helferinnen, Helfer und Partnerbetriebe. Dieses Jahr erwartet die Schule rund 700 bis 750 Absolventinnen und Absolventen aus allen drei Bereichen. Die Resultate sind beim Gespräch noch nicht bekannt: Die Prüfungen wurden eingereicht, der Kanton verarbeitet sie und die Schule erhält die Ergebnisse erst am Montag vor der Feier. Wer bestanden hat, kann am Samstag persönlich nachschauen, wer nicht bestanden hat, erhält einen Brief. Die klassische Rose, gesponsert unter anderem von Partnern, bleibt für Estermann das schönste Zeichen der Würdigung: «Hey, du hast es geschafft, das ist dein Moment.»
KV und Detailhandel weiterhin gefragt
Trotz der Diskussion um sinkende Lehrlingszahlen sei die Situation im Kanton Luzern gut, sagt Estermann. Die Berufe Kaufmann/Kauffrau und Detailhandel sind stark gefragt. Laut der Plattform yousty.ch habe es zwischen August 2025 und März 2026 über eine Million Klicks auf KV-Berufe gegeben, mit Abstand am meisten, gefolgt von Informatik und Detailhandel. Diese Berufe würden bestehen bleiben, ist Estermann überzeugt. Den Vorteil der dualen Bildung sieht er im direkten Markteintritt durch die Praxiserfahrung. Jeder, der sich gut auf dem Markt verkaufe und motiviert sei, werde etwas finden. Das negative Image der Generation Z teilt Estermann nicht. Seine Erfahrung sei eine andere: Wenn man jungen Menschen auf Augenhöhe begegne, erlebe man «eine wunderbare Zeit und eine Entwicklung zusammen».
Ein starkes Fundament für die Zukunft
Mit dem Ende des Schuljahres ist die Reform in allen Berufszweigen abgeschlossen. Der Wechsel von den klassischen Fächern zu Handlungskompetenzbereichen sei laut Estermann eine «riesige Umwälzung» gewesen. Jetzt gehe es darum, das Erreichte zu festigen. Entscheidend sei ein ausgewogener Mix aus analogem und digitalem Lernen sowie aus Praxis und Grundlagenwissen. Estermann beschreibt die duale Bildung als Trilogie aus Lehrbetrieb, Berufsfachschule und überbetrieblichen Kursen. Mehrfach betont er, dass der Mensch im Mittelpunkt stehe. Dazu gehörten Disziplin und klare Regeln – allerdings im Sinne einer «neuen Autorität»: Präsenz zeigen, aufmerksam sein, Wiedergutmachung ermöglichen sowie klare Werte vertreten. Von den Lernenden wünscht er sich vor allem die Bereitschaft, ein Leben lang zu lernen. Niemand müsse mit perfekten Kompetenzen starten – entscheidend sei die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln.
Vom Cockpit ins Klassenzimmer
Zum Schluss spricht Andy Wolf einen besonderen Lebensabschnitt an: Estermann war in den Jahren 2000 und 2002 Pilot bei der Swissair. Die Fliegerei sei seit der Kindheit seine Faszination gewesen, geweckt durch den Vater. Nach dem Seminar habe sich die Möglichkeit zur Swissair-Ausbildung geboten, ein Traumjob, der mit dem Grounding 2002 jedoch jäh endete. Rund 600 Pilotinnen und Piloten verloren damals ihren Job, darunter auch Estermann. Es sei eine tiefe Krise gewesen, gibt er offen zu. Sein Umfeld, besonders seine Frau, habe ihn gut durch diese Zeit getragen. Zurück im Arbeitsmarkt fand er den Einstieg im Detailhandel am KV Luzern, machte die Ausbildung zum Berufsfachschullehrer und blieb hängen. Geflogen ist Estermann seither nicht mehr, auch als Passagier kaum.
Sein Fazit nach einem Jahr als Rektor fällt klar aus: Der Schritt sei der richtige gewesen. Entscheidend sei für ihn, mit Respekt und Offenheit an die Sache heranzugehen. Er fordere seine Lehrpersonen ausdrücklich auf, vorbeizukommen, wenn etwas sei, statt «die Faust im Sack» zu machen. Was am Abend des 2. Juli 2026 geschehen müsse, damit er zufrieden ins Bett gehe? «Ganz viele Begegnungen, Gesichter mit Stolz, Leute, die sich umarmen.» Wenn alles wie geplant ablaufe, könne nichts schiefgehen. Schlafen werde er ohnehin gut, «weil ich einfach so müde bin nach den ganzen Tagen».







