Im Zwei-Stunden-Takt zum Weltrekord im Arktischen Ozean

Andy Wolf spricht mit Roman Möckli und Frederik Jacobs vom Team Arctic Row. Die beiden Abenteurer erzählen, wie sie als erstes Ruderteam über den 80. Breitengrad Nord gelangten, was 33 Tage im Rhythmus von zwei Stunden Rudern und zwei Stunden Ruhe mit Körper und Kopf machen und warum ihr Weltrekord zugleich ein Warnsignal für den Klimawandel ist.
Vier Schweizer, ein acht Meter langes Ruderboot und 33 Tage im arktischen Ozean: Das Team Arctic Row hat geschafft, was vor ihnen niemand versucht hat. Im Gespräch mit Moderator Andy Wolf bei Radio Lozärn schildern zwei der vier Teammitglieder, Roman Möckli und Frederik Jacobs, wie sie an die Eisfläche des Nordpols ruderten und dabei einen Weltrekord aufstellten. Ein Gespräch über Grenzen, Teamgeist und eine unbequeme Wahrheit über den Klimawandel.
Ein Team aus vier ganz unterschiedlichen Charakteren
Auf die Frage, was das Team ausmache, beschreiben sich die Gäste als vier abenteuerlustige Schweizer, die durch die monatelange Vorbereitung zu einer eingeschworenen Einheit zusammengewachsen sind. Roman Möckli und Florian Ramp brachten bereits Erfahrung im Ozeanrudern mit, Ben Möckli steuerte Abenteuer- und medizinisches Wissen bei. «Es ist eine unerwartete Zusammenfügung von einzelnen Personen», sagt einer der beiden. Über die zehn Monate Vorbereitung sei daraus ein Team geworden, das Einzigartiges erreicht habe.
Frederik Jacobs bezeichnet sich selbst als unerfahrenen Abenteurer, als «Rookie». Er sei 47 Jahre alt und Vater von drei Kindern. Was ihn getrieben habe? «Ich habe immer gedacht, ich bin zu mehr fähig, als ich mir zutraue», erklärt er. Gerade im mittleren Alter wolle er sich mehr zumuten und seine körperlichen Grenzen austesten, die er zuvor nie ausgelotet habe. Kennengelernt habe er seine Mitstreiter über das Rudern; Frederik rudere bereits seit seiner Kindheit und war bislang vor allem auf Seen und Flüssen unterwegs. Entscheidend sei am Ende die geballte Erfahrung im Team gewesen und die Sicherheit, die er auch gegenüber Frau und Familie vertreten konnte: «Es ist ein seriöses Unterfangen, nicht nur, weil ich es lustig finde.»
Zwei Stunden rudern, zwei Stunden ruhen, rund um die Uhr
Das Boot war 24 Stunden am Tag in Bewegung. Möckli und Jacobs teilten sich die Heckkabine und betreuten die technischen Systeme des Bootes, Strom, Navigation und Kommunikation. «Wir haben geschaut, dass wir immer Strom haben», beschreibt Möckli. Gerudert wurde im Zweierschichtsystem: Zwei Stunden am Ruder, zwei Stunden Pause und das ununterbrochen. Nur so blieb das Boot in Fahrt und auf Kurs.
Unterbrochen wurde dieser Rhythmus nur, wenn ein Sturm alle in die Kabine zwang. Zweimal war es so weit: Einmal für zweieinhalb Tage, einmal für eineinhalb Tage. Dann warfen sie einen Treibanker ins Wasser, damit sich ihre Position nicht zu stark verschob. Für Jacobs mit seinen 1,95 Metern wurde die enge Kabine dabei zur Herausforderung: «Roman und ich lagen Schulter an Schulter, du kannst dich nicht bewegen.» Alles sei nass gewesen, an Bewegung nicht zu denken.
Respekt statt Angst und Vertrauen ins Boot
Wie fühlt es sich an, machtlos zu warten, bis sich das Wetter beruhigt? Der erste Tag im Sturm sei fast angenehm, erzählen die beiden, man schlafe einfach. Doch die Natur zeige immer, wer der Chef sei. Innerhalb weniger Stunden könne aus optimalem Rückenwind ein neues Tiefdruckgebiet werden. Angst habe er nur ein einziges Mal verspürt: In der ersten dunklen Nacht, weiter im Süden, bei riesigen Wellen. «Da war ich nicht mehr in Kontrolle», sagt er. Es sei der einzige solche Moment gewesen.
Sicherheit gab dabei das Boot selbst, das wie ein Rettungsboot konstruiert ist und sich nach einer Kenterung wieder aufrichtet. Ein Begleitboot gab es nicht, bewusst. «Wenn man ein Supportboot hat, kommt man in Versuchung», erklärt Möckli. Auf einer echten Expedition wisse man dagegen: Egal wie gross die Welle sei, man müsse die Lösung selbst finden. Genau das habe geholfen. Vertrauen ins Boot sei das eine, die richtige Technik bei den Wellen das andere. Das Wellen-Reiten liebt Möckli sogar: Bis zu 30 oder 40 Meter könne man auf einer Welle surfen. «Das ist das, was ich liebe.»
Resilienz als Kopfsache
Für die beiden ist Widerstandskraft kein Geschenk, sondern eine Entscheidung. «Ich bin überzeugt, dass wir im Ruderteam ganz normale Menschen sind», sagt Möckli. Was den Unterschied mache, sei nicht die Genetik, sondern der Wille und der Mut, etwas anzupacken. Resilienz entstehe, wenn man sich schwierigen Szenarien aussetze, Widerstände suche und aus überwundenen Hindernissen positive Erfahrungen ziehe.
Die mentale Reise begann lange vor dem Start. Auf dem Vierwaldstättersee trainierte das Team mit einem Coach und übte Abläufe ein, teils bei Minustemperaturen. Auf der eigentlichen Expedition wurde es zwar nie so kalt, die grössere Prüfung war die Seekrankheit in den ersten Tagen. «Du merkst schnell, dass die Energie weg ist», erinnert sich Jacobs. Zum Anker wurde ihm ein Bild: Sobald er wieder einen Zweifel-Cracker essen könne, gehe es aufwärts. Als es tatsächlich so weit war, wurde dieser eine Cracker zu seinem Mantra. Dahinter stand für ihn ein tieferes Prinzip: «Du hast dich dafür entschieden, du machst es, du ziehst es durch.» Dieses Commitment sei das Wichtigste, das er von der Reise mitgenommen habe.
Teamplay auf acht Metern
Auf einem Boot mit vier Personen über 33 Tage, wird Toleranz zur Überlebensfrage. Die wichtigsten Charaktereigenschaften für eine solche Expedition seien Selbstreflexion und das Bewusstsein, dass jeder Mensch blinde Flecken habe, erklärt Möckli. Wer das erkenne, werde automatisch toleranter. Es gebe unweigerlich Momente, in denen einen der andere nerve, meist dann, wenn man selbst übermüdet und dünnhäutig sei. «Genau dann kommt es auf die wesentlichen Dinge an», sagt er: Der andere wolle das Beste für das Team.
Erstaunlich ist, wie wenig direkter Austausch dabei stattfand. Ein tägliches Teammeeting habe man anfangs versucht, doch nach ein, zwei Mal seien kaum noch Gesprächsthemen aufgekommen. Stattdessen entwickelte sich eine Art Buschtelefon: Informationen wanderten von einem zum nächsten, wenn die Schichten wechselten. Wichtige Entscheidungen aber traf man immer gemeinsam. «Man ist auf diesem kleinen Boot als Team, ruht sich zu zweit aus und ist trotzdem allein», beschreibt Jacobs. Möckli und Jacobs sassen sich beim Rudern nie gegenüber: «Die beiden kennen meinen Rücken sehr gut.» Spürbar sei jedoch sofort gewesen, wenn es einem hinter einem nicht gut ging, dann zog er nicht mehr richtig, und das hatte unmittelbar Folgen für das ganze Boot.

Der Alltag an Board: Essen, Strom und ein Kübel in der Mitte
Wie eine typische Vier-Stunden-Schicht aussah, schildert Jacobs anschaulich. Fünf bis zehn Minuten vor der Schicht weckt einen der Wecker, man isst etwas Kleines, bei ihm ein Gummibärchen. Dann folgt das aufwendige Anziehen der Ruderkleidung: Lange Unterhose, darüber der wasserfeste Anzug gegen Schnee, Hagel und Wellen. Zwei Stunden wird gerudert, mit ein, zwei Trinkpausen. Das Trinkwasser stammt aus einer Entsalzungsanlage, die Strom braucht. Weil die Sonne so weit im Norden nur flach steht, lieferten die Solarpanels wenig Energie, rund drei Wochen sah das Team die Sonne gar nicht. Deshalb hatten sie zusätzlich Brennstoffzellen an Bord.
Nach der Schicht wird gekocht: Astronautennahrung, in die man heisses Wasser giesst und rund zehn Minuten ziehen lässt. Für das grosse Geschäft gibt es einen Kübel in der Bootsmitte, aus Gründen der Balance. Danach zurück in die Kabine, snacken, kleine Blessuren versorgen, mit der Massagepistole lockern, navigieren, den Strom kontrollieren, nach draussen kommunizieren. Bleiben zwischen 40 und 80 Minuten Schlaf, oft schwer zu finden im lauten Boot. Dann läutet der Wecker erneut. «Erholsame Sommerferien waren das nicht», fasst Jacobs zusammen.




Ein Weltrekord als Warnsignal für den Klimawandel
Das Team war das erste Ruderteam, das über die 80. Breite Nord gelangte, möglich nur wegen der schmelzenden Eisfläche des Nordpols. «Jedes Jahrzehnt schmilzt die Eisfläche um zwölf bis dreizehn Prozent», sagen sie. Genau darauf wollen sie aufmerksam machen. In Spitzbergen seien sie in der Vorbereitung bei zehn Grad in kurzen Hosen unterwegs gewesen; auf dem Rückweg gab es Schnee, Nässe und wochenlang kaum Sonne. Wie sehr der Körper Licht brauche, hätten sie am eigenen Leib gespürt: Als am letzten Tag die Sonne zurückkam, habe das etwas ausgelöst.
Zugleich schwärmen die beiden von der rohen Schönheit der Arktis. Sie sahen einen Eisbären in der nördlichsten dauerhaft bewohnten Siedlung, Rentiere, Polarfüchse und rund fünfzig Grindwale, die sie zeitweise begleiteten. Besonders in Erinnerung bleibt der Moment, als sie bei Sonnenschein die Eisfläche des Nordpols erreichten und umkehrten, begrüsst von einem neugierigen Seehund. «Man lernt die Natur zu lieben. Sie ist so roh, aber so schön», sagt Möckli.
Zurück im Alltag, und die Frage nach dem nächsten Abenteuer
Der Wiedereinstieg verlief für Jacobs verblüffend rasch: Zurückgeflogen, mit der Familie gegessen, am nächsten Tag wieder zur Arbeit, hundert Prozent im Alltag. «Ich fühle mich erholt und bin voller Lebensfreude», sagt er. Er schätze nun umso mehr, was er zu Hause habe. Geblieben sind einzig gewisse Verspannungen; das Mentale sei ihm aber wichtiger. Wieder festen Boden unter den Füssen zu spüren, die erste Pizza, das erste Bier, die Sinne seien nach der Reise geschärfter gewesen.
Ob das Team noch einmal gemeinsam aufbricht, lassen beide offen. Möckli sieht das Leben selbst als Abenteuer in vielen Formen, für den einen sei das eine Familie, für den anderen ein neuer Weg im Beruf. Jacobs betont, das Team sei sehr zweckgebunden für diese eine Ruderexpedition zusammengekommen. Eine Botschaft wollen sie in Vorträgen weitertragen: Dass Menschen sich mehr zutrauen dürfen. «Traut euch mehr zu», so der Appell. Es müsse nicht die Arktis sein, wichtig sei, die eigenen Grenzen ein Stück weiter zu stecken.
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