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Dave Zibung: «Für die Bundesliga war ich schlicht nicht gut genug»

Im Radio-Lozärn-Vodcast spricht Andy Wolf mit dem ehemaligen FCL-Torhüter Dave Zibung über Klubtreue, die Lehre neben dem Fussball und die Zeit nach der Karriere. Zum Einstieg liefert Andy Wolf eine Zahl, die für sich spricht: Der FC Luzern feiert sein 125-jähriges Bestehen und Dave Zibung hat 25 dieser Jahre mitgeprägt. Im Gespräch geht es um Loyalität, um Ausbildung neben dem Fussball und um die Frage, was nach der grossen Bühne kommt.

Lorena ImfeldVon Lorena Imfeld · 16. September 2026

Mit dem Wort Legende tut er sich schwer

Gleich zu Beginn konfrontiert der Andy Wolf seinen Gast mit dem Fangesang, der ihn jahrelang begleitet hat. Zibung erzählt, dass der Chor meistens dann erklungen sei, wenn er einen Ball gehalten habe und dass er beim Jubiläumsspiel nochmals angestimmt wurde. Das habe ihm eine Gänsehaut beschert. Es sei etwas Spezielles, wenn sich eine ganze Fankurve etwas für einen überlege, sagt er, das mache schon ein wenig stolz.

Auf die Frage, ob er selbst irgendwann gemerkt habe, dass er vom Spieler zur Klublegende geworden sei, winkt Zibung ab. Er habe sich immer als Teil des Klubs gesehen und der Klub habe zusammen mit der Stadt über allem gestanden. Während der aktiven Zeit habe er sich gegen das Wort Legende geradezu gewehrt, weil es nach Ende klinge und vom Ende sei er damals weit entfernt gewesen. Heute nehme er den Begriff als Ausdruck für jahrelange Treue und Leidenschaft, grösser machen wolle er ihn aber nicht.

Warum der Wechsel ins Ausland nie zustande kam

Andy Wolf hakt nach, warum aus dem einen Moment, in dem sich in der Blütezeit der Karriere etwas hätte bewegen können, nie ein Transfer wurde. Zibung schildert seine Haltung gegenüber dem eigenen Berater: Dieser habe ihn nicht überall anbieten sollen. Er habe so gut sein wollen, dass ein Klub von sich aus komme und ihn haben wolle. Als Nummer zwei in die Bundesliga zu wechseln, sei für ihn nie eine Option gewesen. Er habe spielen wollen und rückblickend sei er als Nummer eins für die Bundesliga schlicht nicht gut genug gewesen.

Etwas verpasst zu haben, sei nicht sein Gefühl. Er trage vielmehr Stolz in sich, ausschliesslich in der Schweiz und über 500 Spiele in der höchsten Liga gespielt zu haben. Viele würden alles dafür geben. Er habe sich in seinem Umfeld zu wohl gefühlt, um den Schritt ins Ausland zu forcieren.

Ob es der heutigen Spielergeneration an Klubtreue fehle, will Andy wissen. Zibung widerspricht: Das habe weniger mit Treue als mit Ambition und mit der persönlichen Situation zu tun. Wer die Chance auf eine Top-5-Liga erhalte, müsse sie packen. Zugleich mahnt er zur Realität: Nur sehr wenige würden in einer solchen Liga zum Stammspieler. Wenn ein Zug mit einem ganz grossen Namen vor der Tür stehe, verstehe er jeden, der einsteige. Wichtig sei, sich einzugestehen, wenn der Schritt zu früh kam und dann bewusst einen zurückzugehen. Eine Fussballerkarriere sei kurz, aber lang genug für gelegentliche Korrekturen.

Lehre statt Luftschlösser: Die Verantwortung der Klubs

Ein längerer Teil des Gesprächs dreht sich um Ausbildung. Zibung, auf einem Bauernhof aufgewachsen und gelernter Maurer, erinnert daran, dass es zu seiner Zeit noch keine Sportschulen gab und eine Lehre schlicht dazugehörte. Sein Talent sei nicht so früh erkennbar gewesen, dass ihm jemand geraten hätte, auf eine Ausbildung zu verzichten. Heute liessen sich Training und Schule über Sportschulen und Sportgymnasien besser verbinden, doch der Aufwand bleibe enorm: Schulwege, Rückwege, Hausaufgaben, alles kommt zum Trainingspensum dazu.

Aus seiner Zeit beim FC Luzern und bei Borussia Mönchengladbach beschreibt er eine klare Linie: Ein Profivertrag konnte unterschrieben werden, die Lehre wurde trotzdem abgeschlossen. Einen Lehrabbruch habe man nicht unterstützt. Ein Klub trage gegenüber jungen Menschen Verantwortung, sagt er, denn eine Karriere verlaufe nicht einfach steil bergauf und ende selten mit so viel Geld, dass man nie mehr arbeiten müsse. Genau das sei die Realität für die allermeisten Fussballprofis in der Schweiz. Er habe selbst Kinder und sehe, dass Kinder vor allem die schönen Seiten wahrnehmen. Diese Einordnung versuche er weiterzugeben.

Statussymbole und Social Media

Beim Klischee vom grossen Auto und der teuren Uhr am Handgelenk widerspricht Zibung. Wer sich etwas leisten könne, habe in der Regel etwas dafür getan und das gelte für einen jungen Unternehmer genauso wie für einen Fussballer. Der Stempel sei nicht ganz fair. Mit 22 habe auch er bereits sein erstes grösseres Auto gefahren, teilweise über Sponsoren. Ob eine solche Anschaffung sinnvoll sei, zeige sich oft erst später, doch das gehöre zu den Erfahrungen junger Jahre. Man solle Menschen nicht nach dem beurteilen, was man sehe, sondern nach dem Gespräch mit ihnen.

Zu Social Media, die es zu seinen Anfängen so noch nicht gab, sagt Zibung: Für Firmen, Privatpersonen und Sportlerinnen und Sportler sei die Reichweite heute elementar wichtig. Gleichzeitig entstehe ein Lieferdruck: Ständig Content produzieren, individuell und als Klub, den Fans etwas bieten. Das sei ein Geschäft geworden, das Energie, Ideen und Gedanken koste und den Fokus vom Wesentlichen abziehen könne. Es helfe extrem, könne im falschen Moment aber auch schaden, denn das Internet vergesse nichts und hole in schwierigen Phasen alte Bilder wieder hervor.

Ehrgeiz, Gesundheit und das Los der Torhüter

Gefragt, was ihn zum Stammtorhüter gemacht habe, nennt Zibung zuerst den Ehrgeiz. Er habe alles dem Fussball untergeordnet, zwischen 14 und 18 auf vieles verzichtet, fünfmal pro Woche trainiert und dazu gespielt. Kollegen ausserhalb des Fussballs habe es praktisch keine gegeben, die Mannschaftskollegen seien die Freunde gewesen. Dazu kamen viel Trainingsarbeit, eine seriöse Lebensweise und Glück mit dem Körper: Grössere Verletzungen blieben ihm über die gesamte Karriere erspart. Wer sechs bis sieben Wochen ausfalle, könne schnell verdrängt werden, sagt er, deshalb sei die Gesundheit ein Schlüssel für die vielen Einsätze beim Heimklub gewesen.

Auf die verletzungsgeplagte Zeit seines ehemaligen Mannschaftskollegen Jonas Omlin angesprochen, reagiert er mitfühlend. Ohne Spielpraxis gebe es weder Kontinuität noch Sicherheit und es bleibe immer ein Zweifel. Es tue ihm persönlich leid, weil Omlin ausserordentliche Voraussetzungen mitbringe, ihm derzeit aber das Pech anhafte. Er wünsche ihm, dass er sich stabilisieren könne und in den letzten Jahren seiner Karriere nochmals richtig Freude habe.

Freundschaften aus der Fussballzeit gibt es einige. Am nächsten stehen ihm Claudio Lustenberger und Christian Schwegler, mit dem er die Karriere in der U15 begann und im selben Dorf wohnt; die Kinder gehen in dieselbe Schule. Kontakt hält er auch zu Markus Neumayr, Hakan Yakin und Christian Schneuwly. Am engsten aber sei die Verbindung zu Gerardo Seoane, erst Mitspieler, dann Trainer und später Arbeitskollege in Mönchengladbach.

Dave Zibung zu Besuch bei Andy Wolf im Studio von Radio Lozärn.
Dave Zibung zu Besuch bei Andy Wolf im Studio von Radio Lozärn.

Vom ersten Einsatz bis zum Cupsieg

Andy Wolf spricht seinen Gast auf den ersten Einsatz an. Zibung erinnert sich an die Freude und das Gefühl, erstmals in einem Pflichtspiel in diesem Stadion auf dem Platz zu stehen. Im Nachhinein sei er froh gewesen, dass er sich nicht habe vorbereiten können, so habe er gar keine Zeit gehabt, nervös zu werden.

Sportlich prägend war der Cupfinal, den der FC Luzern als Klub der Challenge League erreichte. Erst der spätere Cupsieg habe die Finalniederlagen zur Seite geschoben, sagt er. Dass Marius Müller damals im Tor stand, sei ihm egal gewesen: Es gehe nicht um ihn, sondern um den Klub, der nach langer Zeit wieder einen Titel gewonnen habe. Bitter war einzig, dass wegen Corona kein Publikum im Stadion war. Dafür sei der Jubel im Team umso intimer und in der Halle mit den Fans umso emotionaler gewesen.

Als besonders intensiv beschreibt er die Barrage gegen Lugano. Nach der Hinspielniederlage habe der Druck enorm gelastet, auch weil das neue Stadion bevorstand. Im Hotel habe man aus Nervosität gejasst, danach sei die Mannschaft mit Entschlossenheit und Überzeugung ins Rückspiel gegangen, getragen von der Stadt und der ganzen Innerschweiz. An diesem Tag habe das Team gezeigt, was in ihm steckte und das sei für den Klub und die Region elementar wichtig gewesen.

Dass er nach dem Cupfinal aufhörte, war für ihn sofort in Ordnung. Einen besseren Abschluss gebe es nicht und ihm sei klar gewesen, dass kein weiteres Training und kein weiteres Spiel dieses Gefühl noch übertreffen würde. Er habe auf dem Höhepunkt aufhören können, auch wenn er in den letzten zwei, drei Jahren nicht mehr viel spielte.

Management statt Trainerbank: Die Aufgabe in Mönchengladbach

Nach der Karriere folgten eine Bürorolle beim FC Luzern, der Trainerschein und schliesslich der Wechsel nach Mönchengladbach. Der Klub suchte einen Sportkoordinator, Gerardo Seoane brachte Zibung ins Spiel. Sein Vertrag war nicht an den Trainer gekoppelt, für die Chance ist er ihm dennoch dankbar. Ebenso Remo Meyer, der ihm trotz Zusage in Luzern den Weg in die Bundesliga öffnete.

Nach Seoanes Entlassung wollte Gladbach Zibung behalten. Er sagte zu, stellte aber klar, unter einem neuen Trainer nicht mehr Teil des Trainerteams zu sein – für ihn eine Frage der Loyalität. Dass kurz darauf weitere Schweizer Kollegen gehen mussten, sei heftig gewesen, für ihn aber verkraftbar.

Als Sportkoordinator war Zibung Bindeglied zwischen Mannschaft und sportlicher Führung: Er organisierte, vermittelte, betreute Spieler und arbeitete bei Kaderplanung, Scouting und Rekrutierung mit. Dabei erkannte er, dass sein Weg ins Management führt und nicht auf die Trainerbank. Koordinieren, planen und dem Trainerteam als Sparringspartner Rückmeldungen geben liege ihm. Feedbackkultur hält er im Sport wie in der Privatwirtschaft für wertvoll.

Der Unterschied zwischen Bundesliga und Super League sei kleiner als erwartet. Vieles sei grösser, die Möglichkeiten umfangreicher, Probleme und Aufgaben aber dieselben. Auch Gladbach müsse kreativ arbeiten und genau hinschauen. Anders sei vor allem die mediale Dimension, wobei der Fokus bewusst nie auf ihm lag.

Zurück in der Region, mit vollen Batterien

Inzwischen ist Zibung zurück in der Innerschweiz. Nach drei, vier Monaten seien die Batterien voll aufgeladen, sagt er und er sei selbst gespannt, was komme. Die grösste Herausforderung sei die Rückkehr in die Familie gewesen: Frau und Töchter hatten zwei Jahre lang eigene Abläufe etabliert und die habe er nicht einfach umkrempeln wollen. Man habe viel darüber gesprochen, mittlerweile laufe alles wieder harmonisch. Zum Haushalt gehören Hund, Katze, vier Hasen, für die die Töchter zuständig sind und ein Pferd seiner Frau.

Mit 42 Jahren hat er mehr als die Hälfte seines Lebens beim FC Luzern verbracht und die Verbundenheit werde bleiben, sagt er. Auf dem Schulhausplatz laufe jeder zweite Bub im FCL-Shirt herum. Beruflich will er im Fussball bleiben, weil das seine Leidenschaft sei und das Feld, von dem er am meisten verstehe.

Persönliches zum Abschluss

Zum Abschluss beantwortet Dave ein paar persönliche Fragen: Sein Lieblingstier ist der Hund, seine Torhütervorbilder waren Oliver Kahn und Stefan Klos, früher war er Fan von Borussia Dortmund, heute hat er keinen Lieblingsklub mehr. Mit Torhütern, die einen schwierigen Abend erwischen, leidet er nicht besonders: Wer keine Verantwortung tragen wolle, solle nicht Torhüter werden und jeder wisse, dass vor allem über ihn geredet wird, wenn es nicht gut läuft. Was Zibung gar nicht mag, sind Streit, Krieg und die Ungewissheit auf der Welt. Und auf die Frage, was er besonders gut könne, antwortet er: Das, was er mache, mit vollem Einsatz.

Lorena Imfeld

Lorena Imfeld

Als Content Creator ist Lorena verantwortlich für die Gestaltung von Reportagen, Ads und digitalen Formaten. Sie verleiht unseren Kundinnen und Kunden einen modernen Auftritt und achtet dabei auf ein klares, strukturiertes Design. So verbindet sie Inhalte mit einer ansprechenden Optik, die das Publikum direkt erreicht. So entstehen Beiträge, die inhaltlich wie visuell überzeugen.

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