FCL-Präsident Michael Sigerist im Vodcast mit Andy Wolf: «Ich habe ein Privileg für eine gewisse Zeit»

Andy Wolf empfing Michael Sigerist im Studio von Radio Lozärn. Seit einem Jahr ist der Luzerner Anwalt Verwaltungsratspräsident der FC Luzern-Innerschweiz AG und Präsident der FCL Holding AG, im Volksmund schlicht der FCL-Präsi. Im Vodcast spricht er über schwarze Zahlen, den Matchplan 31, die Verhandlungen mit der Stadt, seinen Weg vom Klub 200 ins Präsidium und darüber, warum er kein Lautsprecher sein will.
Im November hat der FC Luzern seine Jahreszahlen veröffentlicht: schwarze Zahlen und fast neun Millionen Franken Transfererträge. Andy Wolf steigt mit dem Geschäftlichen ein.
Michael, schwarze Zahlen sind im Fussball alles andere als selbstverständlich. Bist du zufrieden?
Mit den Zahlen bin ich berechtigterweise sehr zufrieden. Da haben sehr viele Leute einen sehr, sehr guten Job gemacht. Ich bin stolz auf alle, die den Karren gezogen haben.
Fast neun Millionen Franken Transfererträge, da habt ihr nicht alles falsch gemacht.
Das ist ein Zeichen dafür, dass unsere Strategie aufgeht: Wir setzen auf eine sehr gute Nachwuchsabteilung mit extrem guten Leuten. Sie bringen Spieler hervor, die auch international gefragt sind. Und diese Spieler werden nicht verkauft. Wir lassen sie weiterziehen. Und für dieses Weiterziehen gibt es einen Batzen dazu, der ins Kässeli kommt.
Wir sagen nie, die Spieler würden verkauft. Wir lassen sie weiterziehen.
Michael Sigerist, FCL-Präsi
Wie abhängig ist der FCL inzwischen von diesem Geld?
Ich glaube nicht, dass wir darauf angewiesen sind. Wir wollen nicht mit grossen Geldern, die wir zuerst noch aufnehmen müssten, Spieler aus der ganzen Welt einkaufen. Wir bauen die Spieler aus den Innerschweizer Nachwuchsabteilungen selber auf, führen sie in die erste Mannschaft und können dann auch einmal einen verkaufen. Aber nicht, weil man muss, sondern weil es zum Konzept gehört.
Ist das auch ein Schwerpunkt im Matchplan 31?
Genau. Die Juniorenausbildung ist uns ganz wichtig. Dazu kommt die Verankerung in der Innerschweiz: Zwischen den Zuschauern und den Spielern auf dem Rasen soll ein Bezug bestehen. Qualitativ hervorragende Spieler kann man überall holen. Ich will nicht sagen, das sei besser oder schlechter. Wir haben uns bewusst für den Innerschweizer Ansatz entschieden.
Die Kehrseite: Manche Spieler sind gefühlt schon nach drei erfolgreichen Auftritten im FCL-Dress weitergezogen. Seid ihr Sklaven des eigenen Erfolgs?
Es geht tatsächlich manchmal sehr schnell. Die Geschwindigkeit kannst du nicht immer selbst bestimmen. Dafür bleiben andere sicher länger.
Seit Jahren ist der FCL im Rechtsstreit mit Bernhard Alpstaeg über eine Lösung rund um die Verteilung der FCL-Aktien am verhandeln. Unter dir sind die Parteien näher zusammengerückt. Gibt es einen Horizont?
Diese Gespräche gab es schon vor meiner Zeit, das möchte ich nicht zu meinem Verdienst machen. Aber es ist dem ganzen Verwaltungsrat ein Anliegen, dass wir eine Lösung finden. Einen Zeitpunkt zu nennen, wäre nicht seriös. Alle sind guten Willens, unterschriftsbereit ist die Lösung aber noch nicht ganz. Gut Ding will Weile haben. Am Schluss muss sie stimmen, für den FCL, die Sponsoren, die Partner und vor allem für die Fans. Und sie muss zum Matchplan 31 passen.
Du bist seit einem Jahr im Amt. Wie geht es dir?
Wenn ich bei Radio Lozärn mit Andy Wolf ein Interview geben darf, ist diese Frage ja schon beantwortet. (lacht) Nein, mir geht es hervorragend. Für den sensationellsten Fussballclub, den es über die Schweizer Grenzen hinaus gibt, etwas beitragen zu dürfen, ist einzigartig. Es war ein intensives Jahr, und ausgelernt habe ich noch nicht.
Was hast du gelernt?
Ich bin wie die Jungfrau zum Kind gekommen und kannte die Strukturen nur von aussen. Jetzt habe ich erfahren, wie professionell geführt wird und was für hervorragende Leute wir haben. Am Anfang habe ich fast etwas zu stark ins Operative geschaut. Aber wenn du nicht verstehst, was operativ abläuft, fehlt dir etwas für eine vernünftige Strategie.
Für den sensationellsten Fussballclub etwas beitragen zu dürfen, ist einzigartig.
Michael Sigerist, FCL-Präsi
Dein Vorgänger Stefan Wolf war CEO und Präsident in einem. Bist du froh, dass das heute getrennt ist?
Auf jeden Fall. Du warst Chef von dir selber und musstest dich gleichzeitig selber überwachen. Ich bin froh, dass ich das nicht muss, sonst müsste ich den einen oder anderen Tadel aussprechen. (lacht) Heute haben wir eine klare Rollenverteilung: Dominik Urech als Geschäftsführer im Business und Remo Meier im Sport, ohne Tadel und ohne Zweifel.
Du führst eine Anwaltskanzlei. Wie gross ist der Aufwand für den FCL, und verdienst du daran etwas?
Der Aufwand ist deutlich grösser, als ich am Anfang dachte. Es macht aber extrem Spass, es ist keine Last. In der Kanzlei haben wir deshalb weiteres Personal eingestellt. Verdienen tue ich sehr bescheiden, mehr oder minder Spesen. Ich finde es richtig, dass der FC Luzern keine präsidialen Löhne auszahlt, die nicht passen. Sportchef Remo Meyer und Geschäftsführer Dominic Urech sind ganz anders gefordert.

Gab es einen Tag, an dem du ins Kissen gebissen hast?
Wegen der Funktion nicht. Manchmal beisse ich ins Kissen und denke: Gopfriedstutz. Aber das ist nur als Fan gemeint und kein Vorwurf an die Mannschaft. Ich weiss, dass alle einen super Job machen.
Vom «Club der 200» ins Präsidium
Ein Jahr nach deiner Wahl zum Präsidenten des «Club der 200» bist du FCL-Präsident. Wie wird man das? Ist das ein Casting?
Ein bisschen schon. Gesucht habe ich es nicht, ich war im «Club der 200» sehr glücklich. Dann wurde ich angefragt und es gab etwa drei Gespräche mit dem damaligen Verwaltungsrat. Da wurde man gelöchert und musste Farbe bekennen. Am Anfang hatte ich nicht einmal realisiert, dass es ums Präsidium geht.
Und die Familie?
Die habe ich früh einbezogen, und die Reaktionen waren mega positiv: Hey, mach das. Meine Frau hatte schon als kleines Kind eine Saisonkarte auf der alten Allmend, und unsere drei Kinder sind riesige FCL-Fans. Beim FCL stand die Ampel von vornherein auf Grün.
Plötzlich hast du einen öffentlichen Job. Wie hat dein Umfeld reagiert?
Ich habe extrem viele positive Reaktionen bekommen, auch von Leuten, die ich jahrzehntelang nicht gesehen habe. Man muss das aber richtig einordnen: Wenn man auf einmal «wichtig» ist, dann bin nicht ich wichtig. Wichtig sind das Amt und der FC Luzern. Ich habe ein Privileg für eine gewisse Zeit.
Wichtig ist nicht meine Person. Wichtig sind das Amt und der FC Luzern.
Michael Sigerist, FCL-Präsi
Ancillo Canepa, Matthias Hüppi: Es gibt schillernde Präsidenten. Ein Lautsprecher bist du eher keiner.
Jeder macht es auf seine Art sehr gut, am Schluss muss man authentisch bleiben. Ich finde, der FCL-Präsident muss nicht überall zuvorderst auf dem Wagen stehen und seinen Senf dazugeben. Ich möchte keinen Personenkult. Wenn der FCL es einmal braucht, trete ich gerne in die Öffentlichkeit, aber nur im Interesse des Clubs. Und nicht, damit der Sigerist jedes Mal in der Zeitung steht.
Wie spüren die Leute trotzdem, dass der FCL-Präsident da ist?
Ich glaube, man muss das gar nicht merken. Der souveränste Schiedsrichter ist der, den man auf dem Spielfeld nicht bemerkt. Es geht darum, dass der FCL gute Zahlen schreibt, seiner Linie treu bleibt und auf Augenhöhe ist mit den Fans, der Region und den Sponsoren. Der Scheinwerfer muss nicht auf mich gerichtet sein, sondern auf den gesamten FCL.
Du bist gebürtiger Schaffhauser. Ist Luzern heute Heimat?
Sehr stark. Meine Mutter war Luzernerin, wir waren oft bei der Grossmutter. Als Fünfjähriger stand ich mit meinem Vater auf der alten Allmend, und dort hat es mich gepackt. Einmal blau-weiss, immer blau-weiss. Wenn man sich in Luzern nicht wohlfühlt, wo denn?
Zum Schluss: deine Lieblingsfarbe? Blau-weiss gilt nicht.
Dann klar Blau. Die Liebe zu Blau kommt ganz klar vom FC Luzern.
Danke, Michael, für die offenen Einblicke im Vodcast von Radio Lozärn. Wir wünschen dir und dem FCL viel Erfolg auf dem Weg mit dem Matchplan 31!

Lorena Imfeld
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