SEVEN im Vodcast mit Andy Wolf: «Meine Konkurrenz ist alles»
Andy Wolf empfing jan SEVEN dettwyler im Studio von Radio Lozärn. Im Vodcast spricht der Schweizer Soulmusiker über seine Leidenschaft für Basketball, seine Sammlung von mehr als 300 Sneakers, sein Elternhaus voller Musik, den Bruder und darüber, warum ihn im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ein Katzenvideo mehr beschäftigt als jeder andere Musiker.
SEVEN ist nicht der Grösste, Basketball spielt er trotzdem seit über 30 Jahren. Am Anfang stand ein ungewöhnlicher Trick im Garten.
SEVEN, du warst auch als Junge nicht gerade 1,90 Meter gross. Wie bist du zum Basketball gekommen?
Mit 11, 12 Jahren habe ich mich stundenlang an Bäume gehängt, mit Steinen an den Füssen, um mich zu strecken. Du kannst meine Mami fragen. Ich bin tatsächlich der Grösste der Familie geworden. Vielleicht kam es vom Baumhängen, ich weiss es nicht. (lacht)
Gepackt hat es mich 1988, 1989, als ich zum ersten Mal Michael Jordan sah. Die ganze Kultur, die damals herüberschwappte, dazu der Sport an sich: Es ist etwas zwischen Tanzen und Krieg führen mit einem Ball.
Was gibt dir der Sport heute noch?
Wenn ich eine Woche lang keinen Ball in der Hand habe, geht es mir nicht gut. Ich stehe auch in der Nacht auf, um die Spiele zu schauen. Basketball ist wahrscheinlich mein regelmässigster Therapieplatz seit über 30 Jahren. Wenn ich auf dem Platz stehe, kann ich alles vergessen. Es ist ein Teamsport, in dem du nie alleine gewinnen kannst und trotzdem einer den Unterschied machen kann. Genau diesen Mix finde ich wunderschön.
Basketball ist etwas zwischen Tanzen und Krieg führen mit einem Ball.
SEVEN
Du sprichst vom Platz fast wie von einer Meditation.
Es ist eine Repetition. Ich mache meine 300 bis 400 Würfe in einer Stunde, und meine Abläufe sind seit Jahren genau die gleichen. Da kommst du fast in eine Trance. Der Ball fliegt nicht von der Dreierlinie in den Korb, wenn du nicht alles andere ausblendest. Ich brauche das. Ich bin süchtig. Schuhe und Ball habe ich immer im Auto, auch jetzt gerade. Wenn ich einen Platz sehe, gehe ich hin und frage: «Hey, spielen wir?»
Zu den Schuhen: Du hast eine Sammlung von über 300 Sneakers. Wie ist die entstanden?
Im Nike-Shop in Zürich, wo ich gearbeitet habe, mussten wir immer die neuen Modelle tragen und wurden jeden Monat ausgerüstet. In diesen zwei Jahren kamen fast 150 Paar zusammen. Danach hatte ich viele Jahre einen Vertrag mit Nike. Ein Vermögen habe ich für die Sammlung also wirklich nicht ausgegeben. Etwa 60 Paar stehen heute noch ungeöffnet in den Schachteln.
Mama Pianistin, Papa Tenor
Die Musik kommt bei dir von zu Hause. War immer klar, dass das dein Ding ist?
Dass ich Musik mache, war immer in mir. Die Frage, ob ich Musiker werden will, kam aber nie auf. Wenn du als Sohn eines Bäckers aufwächst, ist Bäcker ein ganz normaler Job. Meine Eltern sind Musiker. Mein Essen, meine Kleider, das Dach über meinem Kopf wurden mit Musik bezahlt. An den Wochenenden sass ich oft im Publikum und sah meine Eltern auf der Bühne, sie am Klavier, er singend. In die Freundebücher schrieb ich: Sänger oder Barkeeper. Musiker, das kannst du dir nicht aussuchen, das bist du.
Du singst extrem hoch. Wann hast du gemerkt, dass du da etwas kannst, was nicht jeder kann?
Ich hatte nie einen klassischen Stimmbruch, das kam ganz sanft. Dazu kommt: Nach oben kannst du trainieren, nach unten ist es anatomisch begrenzt. Und ich habe immer Männer mit hoher Stimme mitgesungen: Prince, Michael Jackson, Stevie Wonder. Die Verletzlichkeit, wenn ein Mann so hoch singt, hat mich immer berührt. Er macht sich noch einmal anders nackt.
Musiker, das kannst du dir nicht aussuchen, das bist du.
SEVEN
SEVEN zu Gast bei Andy Wolf im Studio von Radio Lozärn.
Als ich dich zum ersten Mal sah, fiel mir deine Mimik auf. Ich dachte: Tut ihm das weh?
(lacht) Ich bin ein schlechtes Vorbild. Obwohl mein Vater Gesangslehrer war, hatte ich nie eine Ausbildung, ich singe einfach sehr viel. Jedem Gesangslehrer verdreht es die Augen, wenn er mein Gesicht sieht. Die Form des Resonanzkörpers beeinflusst den Klang, und alles, was irgendwie hilft, macht mein Gesicht dann. Ganz unbewusst. Wenn ich Live-Aufnahmen sehe, denke ich: Meine Güte, was macht der Mann? Da werde ich einfach zum Instrument.
Der Bruder, der die Flügel ausbreiten half
Dein grosser Bruder Micha ist seit Jahrzehnten dein Schlagzeuger und du bist sein Chef. Wie funktioniert das?
Dass daraus eine solche Erfolgsgeschichte wurde, ist vor allem ihm zu verdanken. Wenn es um Musik geht, bin ich ein Treiber, ein Alpha. Ich war nie Interpret. Wenn ich ein Gefühl in mir habe und daraus Musik mache, muss es genau so klingen, wie ich es fühle. Da gibt es keine Kompromisse.
Vor knapp 20 Jahren hast du die Band, die dein Bruder gegründet hatte, vor die Wahl gestellt.
Genau. Ich sagte: Ich möchte als SEVEN ein zweites Album machen und live auftreten. Wollt ihr meine Band sein? Dann sind wir aber keine Band mehr, sondern meine Band. Sie waren alle fünf, sechs Jahre älter, und ich war der kleine Bube, der froh sein durfte, mitspielen zu dürfen. Dafür braucht es schon ziemlich viel Frechheit. Und dann ein Bruder, der mich so trägt und mir hilft, die Flügel auszubreiten. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Schon mit 12, 13 hat er mich in seine A-cappella-Gruppe geholt. Mit 20 hatte ich darum schon Jahre an Erfahrung als Performer und Songwriter.
Nächstes Jahr feierst du 25 Jahre SEVEN. Kommt die grosse Retrospektive?
Zum 20-Jährigen haben wir viel zurückgeschaut, mit einem Best-of und einem SRF-Abend. Darum will ich nächstes Jahr lieber vorschauen und mich auf die nächsten 25 Jahre freuen. Ich habe es geschafft, mir ganz viele verschiedene Spielplätze zu bauen. Mir ist sehr schnell langweilig, ich bin ungeduldig. Ich muss herumhüpfen können, mal diesen Hut anziehen, mal jenen.
Ich habe mir ganz viele verschiedene Spielplätze gebaut.
SEVEN
Einer davon ist «Soul Christmas», das du dieses Jahr zum zweiten Mal machst.
Das ist verrückt. Soul, Gospel, Tournee, das ist einfach das perfekte Weihnachtspaket. Ich habe lange gewartet, bis ich den richtigen Chor hatte. Wenn, dann richtig. Letztes Jahr haben wir ohne eigentliche Werbung 2'000 Tickets verkauft und waren vier Wochen vorher ausverkauft. Dieses Jahr sind es 4'000. Das ist völlig absurd in einer Zeit, in der Tickets verkaufen nicht mehr einfach ist. Dazu kommt der «Seven Sunday Brunch» mit jedes Jahr sieben Gästen. Ich überlege mir gerne, wie ich andere Musikerinnen und Musiker ins beste Licht rücken kann, damit sie glänzen.
Was bedeuten dir diese Spielplätze wirtschaftlich?
Ich bin nicht vom Erfolg einzelner Alben abhängig und kann immer noch so singen, wie mein Herz schreit. Es gibt nicht viele in der Schweiz, die 25 Jahre von der Musik leben, ohne Subventionen, ohne Unterricht zu geben. Das ist ein riesiges Geschenk.
Gibt es Angebote, zu denen du Nein sagst?
Wenn ich für etwas brenne, bringt mich niemand davon ab, auch mein Geschäftspartner Ilan nicht. Umgekehrt: Wenn eine Location nur halb gut ist, lasse ich es lieber. Wenn du als Künstler musst, dann leidet die Kunst. Dann gehe ich lieber nochmals Schuhe verkaufen, bevor ich beim Inhalt Abstriche mache. Dass mein ganzes Team mich so versteht, darauf bin ich am stolzesten.
Bei «Soul Christmas» übrigens auch: Irgendwann wollen wir damit nach Deutschland. Aber lieber in vier Jahren in der Elbphilharmonie in Hamburg, am richtigen Ort, als jetzt irgendwo.
«Meine Konkurrenz ist alles»
Wie lange braucht es im Zeitalter der künstlichen Intelligenz noch Musikerinnen und Musiker?
Ich vergleiche das mit dem Handy. Am Anfang war es ein Mode-Accessoire, heute sehen alle gleich aus, und es ist egal, welches du hast. Mit der KI wird es genauso sein. Wenn jeder mit einem Computer singen kann, was ist das noch wert? Ich glaube, in weniger als zehn Jahren müssen die Leute in den Klubs das Handy abgeben. Offline ist das neue Ding. Wir werden uns danach sehnen, wieder einen Menschen in den Arm zu nehmen. Dann braucht es uns mehr denn je. Am Ende konsumiert der Mensch den Menschen.
Am Ende konsumiert der Mensch den Menschen.
SEVEN
Trotzdem machst du deine sozialen Medien alle selber. Widerspricht sich das nicht?
Gar nicht. Aber man muss wissen: Wenn ich auf TikTok ein Lied poste, ist meine Konkurrenz ein Babykätzchen. Meine Konkurrenz ist nicht andere Musik, meine Konkurrenz ist alles. Eine Katze schlägt Justin Timberlake. Musik und Katzenvideos wollen sich am gleichen Ort verkaufen, und der Algorithmus findet immer das Katzenvideo besser. Das ist eine andere Sportart, die einfach auf der gleichen Plattform stattfindet. Ich mache gerne Inhalte, ich schneide gerne. Aber man darf nie vergessen, warum man es macht. Wenn du stolz auf etwas bist, dann darfst du es auch zeigen.
Danke, SEVEN, für den Talk im Vodcast von Radio Lozärn. Alles Gute zu 25 Jahren SEVEN und viel Freude auf allen deinen Spielplätzen!
Lorena Imfeld
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